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Warum wir der Penismuschel ein Croissant vorzogen

Mein erster Gedanke war „gnäp gnäp… ehoooaaa“. Mein Zweiter war dann schon etwas verständlicher formuliert und ich fragte mich wo ich denn überhaupt sei, warum der Wecker solch einen Krach veranstalten muss und wie spät es denn zum Teufel eigentlich sei. Ich war in Japan, genauer noch in Tokyo. Der Wecker klingelte, weil Kai und ich zum Tsukiji-Fischmarkt wollten. Fischmärkte fangen in der Regel recht zeitig an und deswegen klingelte der Wecker auch schon um vieruhrdreißig. Mich überkam ein Zorn gegenüber dem Biorhythmus ein eines Fischers. Wäre es denn nicht viel schöner bei Tag zu fischen. Dann kann man doch zum einen viel besser sehen, die Sonne strahlt grell vom Himmel und das Meer schwelgt gemütlich vor sich hin. Nein, es muss ja nachts bei Regen und Sturm passieren, möglichst kalt müsse es sein und glitschig. Die Gischt peitscht über das Deck und den Fischermännern läuft der Rotz aus der Nase. In ihren Finger sammelt sich der Duft von drei Tonnen Kalamarischeiße und zwei Tonnen Doradenfilet. Ihr Schweiß ist vom Meerwasser nicht zu unterscheiden, welches den fürchterlichen Gestank zurück ins Meer spült. Und wenn sie morgens mit den ersten Sonnenstrahlen, von Möwen umkreist, in den Hafen fahren, freuen sie sich auf ihre Koje, wo sie den ganzen Tag verschlafen werden.

Jenen Tag, der von den Fischhändlern ebenfalls sehr früh begonnen wird, damit der Fisch auch möglichst frisch bleibe. Zu jener Zeit, als das Treiben am größten und die Gänge ab überfülltesten sind (gegen fünf Uhr am Morgen) saßen Kai und ich gerade in der U-Bahn. Wir fuhren dem Fisch entgegen und nur ein Kaffee aus dem 24-Stunden-Laden hielt uns am Leben. Das monotone Rattern und die schlafenden Menschen sind das Paradoxon einer U-Bahn, wo doch die Leute zu Hause, wenn der Wasserhahn nur leise tropft oder die Uhr im Nebenzimmer tickt, die Augen nicht zu bekommen.

Wir verließen die U-Bahn-Haltstelle und orientierten uns nur dieses eine Mal auf den Geruch. Der Geruchssinn spielt im normalen Fall innerhalb der Stadt zum Orientieren nur eine geringe Rolle, und wenn, dann meist auch nur, falls der Gulli auf der einen Straßenseite stinkt und man auf die Andere herüber wechselt. Unser Geruch führte uns geradewegs auf den größten Fischmarkt weltweit. Auf dem Tsukiji-Fischmarkt werden täglich rund 2300 Tonnen Ozeanprodukte umgesetzt und er beschäftigt ca. 60.000 Mitarbeiter.

Einige davon kamen uns auch gleich hupend auf ihren dreirädrigen Motorädern mit Ladefläche und Riesenlenkrad entgegen. Auf ihnen ratterten Kisten sowie kleine und große Fische. Es war ein unglaubliches Treiben, aus dem All betrachtet wohl wie ein Ameisenhaufen. Unfälle gab es nicht, jedes Mal schafften es die Fahrer gekonnt, sich um Hindernisse herum zu lenken und dabei keinen Gramm Ladung zu verlieren. Nach dem Schock der großen fischmarktinternen Hauptstraße führte uns unser  Weg in einen Hallenbereich, in dem nun auch die Gänge zumeist schmaler wurden. Das Geräusch von tausenden Männern und teils auch Frauen, die lautstark feilschten und diskutierten. Auf alten und morschen Paletten lagen tiefgekühlte Thunfische, die wie Baumstämme wirkten. Ihre Köpfe und Schwänze waren bereits abgetrennt. Aus einigen Ecken dröhnte eine Säge, mit der gerade jemand den 150 Zentimeter langen Thunfisch mittig durchsägte. Über ihm baumelte womöglich eine einzelne Glühbirne, die andernorts auch noch mit einem Lampenschirm aus Blech geschützt wurde. In Plastikboxen, die mit Wasser gefüllt waren schwammen noch einige Hummer oder kleine Fische. Woanders hingen die knallroten Tentakel von Tintenfischen über dem Rand. An anderen Ständen spritzten Muscheln den letzten Lebenssaft aus sich heraus. Wir gingen an Männern vorbei, die in einen Eimer voller kleiner Fische langten und sich ein paar davon lebend in den Mund schoben. Neben ihnen in einer Kiste schwamm ein Fisch in seinem eigenen Blut, das dem riesigen Schnitt nach zu urteilen aus seiner Kehle strömte.

Über den grauen Boden aus Kopfsteinpflaster, in dem sich die gelben Glühbirnen spiegelten, schepperten Männer mit Handkarren, die neue Ladung an die Stände brachte. Nach einer erfolgreichen Preisdiskussion packte der Händler dem Kunden den frischen Fang in eine Tüte und offenbarte uns beim Grinsen seinen Goldzahn.

Kai und ich waren von der Qualität und Quantität der Eindrücke erschlagen. Wir verbrachten in etwa zwei Stunden zwischen glitschigen Fischen (oder stumpfen, falls sie schon filetiert wurden) und haarigen Fischersmännern. Meine Schuhe sogen die Feuchtigkeit des Bodens auf und leiteten sie an meine Socken weiter, ich war falsch ausgestattet im Wald der Gummistiefel. Meine Nikon-Kamera klickte unaufhörlich und fing teils verärgerte Blicke ein, wenn ich mal wieder einem Händler im Weg stand. Der Fischmarkt war ein Labyrinth aus Gängen und Straßen. Neben dem Fisch mit Schuppen gab es nebenan gleich noch Restaurants für den frischen Fisch ohne Schuppen, aber als Sashimi dennoch roh. Andere Händler verkauften Gemüse und Messer, um dem Fisch bis zum Weg auf den Teller noch in ein Grab aus Paprika und Tomaten zu betten.

Wohl sei dem, der Wohles bekommt. Ein Fisch vom Tsukiji-Fischmarkt fehlte uns dennoch auf unserer Liste, da wir uns zum Frühstück anstatt einer rohen Penismuschel* mit Tintenfischsoße lieber ein Croissant gönnen wollten. Voller Eindrücke von Fisch fuhren wir zurück zu Naoki. Als wir uns noch einmal schlafen legten, machte er sich gerade für den Weg zur Arbeit fertig.

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*Die Penismuschel habe ich deswegen sogenannt, weil sie tatsächlich so aussah. Aus ihrer Schale ragte ein längliches, starres Fleischstück heraus, das in regelmäßigen Abständen Wasser ejakulierte.

Ein paar Bilder zum Thema gibt es auf flickr.

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