Neuseeland (der April)

Der April

Man soll nicht annehmen, dass Bienen viel und emsig arbeiten. Vielleicht können sie nur einfach nicht langsamer fliegen…

Ein wunderbares Zitat, dessen Herkunft mir in diesem Augenblick zwar nicht bekannt ist, für den April aber dennoch durchaus zutreffend ist.
Der April ist ein Reisemonat für die meisten von uns. Ich reise mit meinem Vater quer durchs Land. Sven kaufte sich ein Auto und reist nun damit umher. Alice tourt mit ihrem Mitwagen durch die Gegend und Laila und Katha beendeten ebenfalls ihre Weinlese, um die verdienten Dollar auf der Südinsel auszugeben…
Der April wird aber auch ein Monat sein, in dem man die neuen Freunde teils zum letzten Mal für längere Zeit sehen wird. Der April macht, was er will!

Christchurch und Timarau 4.4.07 – 7.4.07

Sven und ich fuhren früh ab (wir unsere Verhältnisse war etwa neun Uhr durchaus früh).
Wir verabschiedeten uns von Laila und Katha. Wir würden in Neuseeland nie mehr etwas gemeinsam machen.
Von Blenheim ging es dann direkt nach Christchurch. Dort kamen wir auch bald an (nach vier schnellen Stunden) und ich entschied mich dann, mich auf den Weg zu machen, um meinen Vater vom Flughafen abzuholen, der mich in diesen Tagen besuchen kommen wollte.
Plötzlich war er also wieder da, dieser alte Herr, den ich so gut von zu Hause kannte und der sich in den letzten zwei Monaten kaum verändert hat. Warum sollte er denn auch?
Wir erkundeten also Christchurch und so kam es, dass ich zum ersten Mal seit knapp zwei Wochen ein Restaurant von innen sah.
Als Backpacker vermeide ich es tunlichst, mehr zu bezahlen als nötig. Das bedeutet, dass das Essen sehr wohl nötig ist, ein Mensch jedoch, der es  mir freundlich lächelnd an meinen Tisch bringt (und sich nicht weniger freundlich lächelnd teilweise auch noch anhören muss, wie schlecht die Bedienung ist, dass das Essen erheblich wärmer sein könnte, und wo denn eigentlich das Bier bleibe…) ist es definitiv nicht!
Und so kam es, dass ich mal wieder herzlichst bedient wurde, anstatt mir meine Mahlzeiten selbst zu zubereiten. Zuletzt lebte ich von Toastbrot mit Käseaufschnitt (oder auch mal Salami) oder Nudeln. Dazu natürlich auch mal ein wenig Obst. So billig wie nur irgend möglich.
Am nächsten Tag trudelten wir beide dann durch Chistchurch. Während ich in aller Ruhe meine Bildersammlung vergrößerte, wunderte sich Vater über die Kastanien, die in einem Park herumstanden (es lagen sogar Kastanien auf der Erde – im April) und sich wunderte, wie denn die Kastanie hierher käme. Er stellte auch fest, dass dieser Rotahorn oder die Linde dahinten ebenfalls bei uns wachsen. Im Botanischen Garten stand dann zu allem Überfluss sogar noch eine Zeder – na schöner kann es gar nicht mehr kommen.
Genug mit den Bäumen, da Christchurch schließlich nicht nur aus solchen besteht, sondern die Einheimischen den genialen Einfall hatten, in diese Stadt auch ein paar Häuser zu bauen. Da diese mitunter sogar sehr hübsch anzusehen sind, freuten wir uns dann an der vielfältigen Architektur, ehe wir gegen Mittag unser erstes Guiness schlürften und genüsslich ein paar Muscheln verdrückten.
Am Abend verabschiedeten wir uns dann von Sven (wir gingen gemeinsam Essen – oh dieser Luxus, es gab sogar ein T-Bone-Steak…) und fuhren am nächsten Morgen nach Timarau weiter.
Dort angekommen bewohnten wir erneut ein Zweibettzimmer. In den letzten Wochen bestellte ich immer nur ein „Dorm“ (abgeleitet von Dormitory, also eine Art Schlafsaal, mit mindestens vier Betten) und nun ein Zweibettzimmer. Der Lebensstandard steigt!
In Timarau war Karfreitag, wie übrigens überall in Neuseeland. Da ich aber nun einmal in Timarau war und zu allem Überfluss an einem Karfreitag, weiß ich zu berichten, dass Timarau ein nettes kleines Nest sein mag, zu Karfreitag jedoch niemand da ist. Das heißt,  dass womöglich sogar sehr viele Leute da sind, man sieht sie nur nicht. Die Straßen waren wie leergefegt. Wir liefen umher…

Dunedin und Gore 7.4.07 – 10.4.07

Dunedin, so sagt man, ist die schottischste aller Städte in Neuseeland. Als wir dort Ostersamstag ankamen, stellten wir das auch so fest. Ich habe vorher kaum eine Großstadt gesehen (mit 100.000 Einwohnern zählt Dunedin hier zu den Metropolen), die dermaßen mit Bevölkerung auf der Straße geizt. Wir waren da, aber sonst fast niemand. Dasselbe Bild wie in Timarau. Ostern ist ein komisches Fest hier unten. Nicht nur, dass scheinbar keiner da ist (und trotzdem alle Hostels ausgebucht sind), sondern auch, dass kein Alkohol verkauft werden darf, dabei dürfte der Konsum über die Feiertage hinweg doch eigentlich am größten sein. In Restaurants und Bars darf zwar Bier ausgeschenkt werden, aber nur, wenn man sich ein Snack oder wenigstens etwas Essbares dazu bestellt. Die Tatsache ist sehr lustig und wird sogar noch lustiger, wenn man bedenkt, dass Politiker und Experten sich wochenlang darüber streiten, debattieren und diskutieren, dass Bier nur mit Snacks verteilt werden darf. Es wurde sicherlich eine Osterbierkommission gegründet, mit einem Rat aus mehreren Parteien und Interessengemeinschaften: Bürgervertreter, Politiker, Lobbyisten der Brauereien und Weingüter, Kirchenvertreter und Ethikexperten.
In einer Bar wurde dieses Gesetz ganz passend bewertet „Due to antiquated law, we are not allowed to sell any alcohol without food during Easter holidays…”

Wir erkundeten Dunedin dennoch und stellten fest, dass Dunedin eine reiche Stadt gewesen sein muss, denn es gibt zahlreiche alte und gleichermaßen schöne Gebäude. Wir stellten ebenfalls fest, dass Dunedin mittlerweile ganz und gar nicht mehr so reich sein kann, denn diese alten Gebäude sehen in der Tat alt aus. Sie sind teilweise verlassen und milchige, leere Fensterscheiben wechseln sich mit dreckigen Fassaden ab. Es ist in dieser Hinsicht eine moderne Geisterstadt (jedenfalls an Ostern), denn die Menschenleere gepaart mit den Halbruinen und dem Dreck an den Häusern und Straßen wirken tatsächlich etwas mulmig.
Es scheint, als hätte der Dachbodenmann doch ganz gute Karten in Dunedin zu erhofftem Reichtum zu gelangen.

Nun denn, da wir nun einmal zwei Nächte in Dunedin blieben und es keinesfalls so schlecht ist, wie gerade beschrieben, machten wir uns am nächsten Tag bei schönstem Wetter auf den Weg nach Otago Peninsula (der Dunedin vorgelagerten Halbinsel), um ein Schloss, Pinguine und Albatrosse zu besichtigen.
Zuerst ging es zu den Pinguinen. Diese Tiere scheinen Menschen dermaßen zu verzaubern, dass sie sich gedacht haben, siedeln wir sie mal hier an und nehmen 33 Dollar Eintritt und gucken dann mal, was passiert.
Dieser Gedankengang scheint gut aufzugehen, denn es kommen gerade in der Saison sehr viele Touristen, um sich den Gelbkopfpinguin anzuschauen und zu bewundern.
Die klugen Menschen, die den Eintritt verlangen, haben sogar schützengrabenartige Gänge in die Erde gebaut, um die Menschen dadurch sehr klein erscheinen zu lassen (die Pinguine sehen dadurch nicht mehr als das Gesicht und haben daher keine Angst) und den dummen Menschen, die die 33 Dollar Eintritt bezahlen, somit eine superbe Voraussetzung zum Fotografieren zu schaffen.
Nach den Pinguinen fuhren wir zu den Albatrossen, wo sich nicht weniger kluge Menschen ebenfalls viele Gedanken machten, wie man den dummen Menschen, die gerne mal echte Albatrosse sehen wollen (um auch gute Fotos zu machen), Geld aus der Tasche zu ziehen. Dies klappte an diesem Tag nicht so gut, denn scheinbar feierten die Albatrosse auch Ostern, denn es waren keine da.
Aber da die klugen Menschen sogar sehr klug sind, haben sie nahe der Brutstelle ein Haus gebaut und es Informationszentrum genannt. In diesem Informationszentrum kann man sich nämlich informieren, wie teuer T-Shirts, Tassen, Tischdecken, Schürzen, Eierbecher, Messer, Unterhosen, Stifte, Kerzen, Bücher, Rucksäcke, Hüte, Handschuhe, Schals, Teller, Schlüsselbänder, Krawatten, Poster, Postkarten, Korkplatten, Anhänger, Ketten, Pullover, Jacken, Beutel, Gläser sind, um sie dann zu kaufen.

Da wir dann noch etwas Zeit hatten, schauten wir uns dann noch das Schloss an, das Larnach Castle. Castle heißt ins Deutsche übersetzt Schloss, dabei wundert man sich, warum Castle nicht auch „große Villa“ heißt. Ein Schloss, so wie wir es kennen, hat Neuseeland nicht zu bieten, und so gibt man sich denn eben auch mit der großen Villa zufrieden.
Immerhin gibt es dort neben einem netten Garten und die Möglichkeit, sich die Innereien des Hauses anzuschauen auch einen wunderschönen Panoramablick über Peninsula.

Danach fuhren wir wieder nach Dunedin zurück und wollten noch einmal einen Blick auf den wunderschönen und für einen Zug täglich absolut überdimensionierten, alten Bahnhof werfen. Später buchten wir einen Rundgang in der „Speight’s Brewery“ für den nächsten Morgen.
Das gute vorneweg, am Ende des Rundgangs hat man etwa zehn Minuten Zeit, sich mit sämtlichen Geschmacksrichtungen des produzierten Biers vertraut zu machen. Die Führung selbst ist ebenfalls interessant, nur hatte John an dem Morgen offensichtlich keine Lust, überhaupt jemanden zu führen und hätte wohl viel lieber Ostern gefeiert (seine Witze waren, obwohl ich sie zum ersten Mal hörte, ziemlich ausgelutscht und er war recht unfreundlich, auch wenn er sich ersichtliche Mühe gab, es nicht zu sein).

Nach der Führung fuhren wir weiter Richtung Süden zum „Slope Point“, dem südlichsten Punkt der Südinsel. Wir waren nicht die ersten dort, denn jemand hatte bereits ein Schild aufgestellt, dass es in die eine Richtung 4803 Kilometer bis zum Südpol und in die andere 5140 Kilometer bis zum Äquator sind. Wir nahmen es zur Kenntnis und fuhren weiter nach Gore.
In dessen Nähe gibt es ein interessantes Verkehrsschild, denn geradeaus geht es nach Gore und würde man rechts abbiegen, ginge es nach Clinton.
Wer den Gag an dieser Stelle nicht verstanden hat, sollte diesen Absatz lesen, alle anderen können die folgenden 173 Wörter getrost überspringen. Auf der Nordhalbkugel, von Europa aus gesehen ziemlich im Westen, gibt es ein relativ großes Land, das einen nicht geringen Einfluss auf die ganze Welt nimmt. Irgendwer kam auf die Idee, dieses Land „Vereinigte Staaten von Amerika“ zu nennen. Da dort anfangs jede Menge Siedler aus aller Herren Länder eintrafen und es ein riesiges Kauderwelsch gab, entschieden sich die Leute da drüben, man müsse jetzt eine Verfassung haben und vor allen Dingen bräuchte man einen Chef. Nachdem das alles geregelt wurde, und man nun also einen Chef hatte, ihn aber nicht Chef nennen wollte, gab man ihm den Namen „Präsident“. Und wenn der Chef, oder Präsident, nicht mehr war, dachten sich die Leute, dass ein Vize-Präsident eine äußerst clevere Erfindung wäre. Nun hatten sie also eine Verfassung, einen Präsidenten und einen Vize-Präsidenten (und noch Dieses und Jenes, aber ich will ja nicht abschweifen). 1992 wählten die Amerikaner (so heißen die Siedler und deren Nachkommen) also mal wieder einen Präsidenten. Um nun wieder auf das Verkehrsschild zurückzukommen; dieser Präsident hieß Bill Clinton und dessen Vizepräsident Al Gore.
Wir folgten dem Schild nach Gore. Dort gibt es nur ein BBH-Hostel (BBH ist eine Hostelvereinigung, deren Mitglied ich bin und daher etwas Rabatt bekomme) und dieses ist sehr klein. Wir kamen an und niemand war da. Die Rezeption bestand aus einer Tafel, auf die alle vier Räume geschrieben waren, mit dem Hinweis, man solle seinen Namen in einen Raum schreiben und hätte dann somit eingecheckt. Ein weiterer Hinweis verwies auf die Briefumschläge und die Tatsache, dass die Hostelbesitzer nicht immer da sein könnten, und dass man doch bitte in diesem Fall sein Geld einfach in einen der Umschläge geben solle und ihn unter die Tür gleich links um die Ecke zu schieben. Misstrauen sieht anders aus!
In Gore selbst war übrigens nicht allzu sehr viel los, was wahrscheinlich daran liegt, dass Gore ein kleines verträumtes Nest ist und zu allem Überfluss auch noch Ostermontag war… (Die Bibliothek in Gore hatte den folgenden Tag übrigens ebenfalls geschlossen. Es sei schließlich Osterdienstag!)

10.04.07 – 12.04.07 Te Anau

Von Gore ging es dann für uns in Richtung Milford Sound. Milford Sound, so sagt man, sei landschaftlich eine der schönsten Gegenden, die Neuseeland zu bieten hat.
Als wir dort angekommen sind, konnten wir das nur bestätigen. Blauer Himmel, Hunderte von Wasserfällen, die meterhohe Klippen steil heruntersprudeln. Grüne Bäume und schwarze Felsen im Wechsel. Dann der wunderschöne Fjord mit glitzerndem Wasser. Das und vieles mehr hat Milford Sound zu bieten.
Ich schaute vom Info-Fernseher in der Information weg und hinaus zum realen Milford Sound. Ein Fjord war nicht zu erkennen. Die grauen Regenwolken hingen nur weniger Meter über dem Wasser und versprühten ihren Inhalt im ganzen Tal. Wasserfälle gab es nicht, Übernachtungsmöglichkeiten (wie wir an der Info erfuhren) auch nicht mehr – alles ausgebucht.
So fuhren wir die knapp 100 Kilometer zurück zu Te Anau, wo an diesem Tag der blaue Himmel zwischen den weißen Wolken doch recht gut zu erkennen war – nur ab und zu gab es einen kleinen Schauer.
Am nächsten Tag buchten wir uns dann einen Trip zu einer weiteren Glühwürmchenhöhle, der aber erst nachmittags stattfinden sollte. Den Rest des Tages verbrachten wir dann damit, doch ein bisschen etwas von Fjordland zu sehen und fuhren mit dem Auto herum.
Alles in allem waren diese beiden Tage jedoch unsere größte Enttäuschung und ich möchte eigentlich nicht viel mehr Worte darüber verlieren (wobei die Glühwürmchenhöhle doch recht schön war!).

12.04.07 – 14.04.07 Queenstown

Queenstown ist von der Bevölkerung her eine kleine, ansehnliche Stadt am … See in Neuseeland. In Wirklichkeit beherbergt die Stadt aber weitaus mehr Menschen, die sich hier herum treiben. Sicher jedes dritte oder vierte Haus ist entweder mit B&B, Motel, Hotel oder Hostel beschriftet… Es ist die Touristenstadt des Landes und dementsprechend groß ist auch das Angebot, welches den Touristen zu Verfügung steht – und genauso klein ist der Geldbeutel, wenn man Queenstown wieder verlässt.
Es gibt alles, was das Touristenherz begehrt, von tanzenden Maoris, über tatsächlich lebende Kiwis über eine Seilbahn bis hin zu Skydiving, Bungee, Canyon-Swing und Herr der Ringe-Touren.
Gerade um Queenstown herum gab es einige für den Film wichtige Schauplätze (z.B. Isengaard).
In Queenstown traf ich auch wieder auf Sven, dem ich aber nur kurz Hallo sagte und der mir an diesem Tag seinen Horst vorstellte. Horst hat vier Räder, einen Motor und einen Kofferraum, diese Eigenschaften zeichnen Horst vorwiegend als Automobil aus. Jedoch macht Horst auch manchmal komische Geräusche und als mir Sven die Geräusche vorführen wollte, qualmte Horst auch mal. Diese Eigenschaften passen wiederum gar nicht zu einem Auto und somit ist Horst irgendwas zwischen Auto und Dingsbums. Aber Horst fährt und bietet jede Menge Stauraum und war mit etwa 300 Euro ein sehr günstiger Horst…

Nachdem ich mich von Sven wieder verabschiedet hatte, nutzten Vater und ich die Sonnenstrahlen und wanderten noch ein bisschen durch die Stadt, an den Geschäften und Unterkünften vorbei.
Da Vater unbedingt einen lebenden Kiwi sehen wollte, schauten wir uns einen an und fuhren anschließend mit der Seilbahn auf den Mt. (???) und guckten uns Queenstown von oben an.
Am nächsten Tag holte uns Charles ab. Wir hatten eine Scenic-Tour gebucht, die auch einen Farmbesuch enthielt und so fuhren wir mit Charles Landrover über eine Farm, vorbei an Schafen, Rehen, Hirschen (Rehe und Hirsche werden in Neuseeland industriell gehalten!) und natürlich noch mehr Schafen und auch Kühen.
Wir erfuhren, dass das Grün der Weiden Neuseelands eigentlich gar nicht so grün wäre, wären da nicht die kleinen extra Moleküle, die in den Boden gegeben werden und gemeinhin als Dünger bekannt sind. Aha, dachte ich mir, deswegen bewässern sie bei Regen also die schon grüne Wieso, zum Düngen!
Da der Dünger den Schafen wohl nicht so bekommt, werden diese dann auch noch mit extra Molekülen (Arznei) aufgepeppt, damit sie nicht schon vor dem Schlachten den Geist aufgeben.
Geschlachtet werden die Schafe übrigens maschinell. Bei etwa 40 Millionen Schafen insgesamt und nur vier Millionen Kiwis, wovon die wenigsten Schafe schlachten, würde es wohl auch ziemlich lange dauern, bis aus einen Lamm ein Kotelett wird.
Sie werden also kopfüber durch eine elektrifizierte Lauge gefahren und bekommen einen Stromschlag, der sich gewaschen hat. Eigentlich ist es sogar so ziemlich das letzte, was so ein Schaf überhaupt verspürt, denn hinterher ist es tot.
Dann kommen ein paar Greifarme und andere Mechanismen und… Keine Ahnung was die machen, mehr hat uns Charles nicht erzählt. Wir waren schließlich auf einer Farm und Schafe werden industriell geschlachtet, daher haben wir es nicht gesehen.
Was wir sahen, war jedoch, wie den Schafen ihre Medizin verabreicht wurde. Dabei sind die Schafe ganz nervös und haben Angst (Schafe haben generell vor allem Angst) und bekommen eine Art Wasserhahn ins Maul gepresst, woraus dann auf Knopfdruck die Medizin strömt. Da dies pro Schaf nur etwa zwei Sekunden dauert, wird diese Aufgabe noch von Menschenhand unternommen.
Mein Adrenalinspiegel nahm auf ständig zu. Je näher wir dem Ende der Tour kamen, umso aufgeregte wurde ich.
Am Nachmittag war es denn soweit, ich reihte mich ein in die Gruppe derer, die Geld dafür bezahlen, um von einer Brücke zu springen.
Das Adrenalin entzog meinen Gliedmaßen sämtliche thermische Energie! Ich hätte Wasser zu Eis (zumal es an diesem Tag ohnehin recht kalt war) oder Schwarzwälder Kirschtorte machen können, wenn ich das Rezept hätte.
Die Menschen sprangen wie Lemminge von der Brücke. Das ging Ruckzuck. Bloß keine Zeit verschwenden. Trotzdem musste ich warten, bis die fünf Leute vor mir gesprungen waren. Der Amerikaner neben mir sprang auch zum ersten Mal und war mindestens genauso aufgeregt wie ich (ich weiß aber nicht, ob er Schwarzwälder Kirschtorte kannte).
Dann war ich an der Reihe. Ich kletterte vorsichtig zur Vorbereitungsstelle. Bloß keinen Schritt zu weit machen, dachte ich, schließlich wird bei der Vorbereitungsstelle das Seil erst angelegt. Er fragte mich, ob ich das Wasser berühren wollte. Ja, wollte ich…
Dann, meine Füße vom Seil umschlungen, tippelte ich zur Kante der Brücke und starrte in das kleine blaue Ding da 47 Meter unter mir, das offensichtlich ein Fluss zu sein schien. Aha, so sieht also der Fluss für Bungee-Jumper aus! Er ist genauso blau wie für jeden anderen… Meine Zehenspitzen mussten direkt am Holz der Brücke sein. Der Vorbereitungsstellenmensch forderte mich auf, doch noch ein bisschen nach vorne zu tippeln. Viel mehr mit Tippeln war jedoch kaum noch möglich.
Der Countdown begann.
„Five…“Ich merkte eigentlich gar nichts mehr außer dem Wunsch umzukehren und allen Leuten zu erzählen, wie man nur so blöd sein kann, von einer Brücke (oder wovon oder woraus auch immer) zu springen!
„Four…“Oh, das Wasser ist wirklich blau, sogar noch vier Sekunden vor dem Sprung… Aber woher kommen plötzlich die kleinen Sternchen?
„Three…“ Wieso müssen die ausgerechnet jetzt hier anfangen mit dem Presslufthammer an der Brücke rumzuspielen, wo ich doch grade Springen wollte, oder ist das mein Herz, das so hämmert?
„Two…“ Wie viele Sprünge hält so ein Bungee-Seil verdammt noch mal eigentlich aus?
„One…“ Eins? Hat er grade eins gesagt?
„GO…!“ Go, los, jetzt aber, springen. Ich sprang und schon war es vorbei. War ja gar nicht so schlimm, kann man glatt noch mal machen. Nur ein wenig kurzweilig. Das gelbe Gummiboot kam den immer noch blauen Fluss entlang, um mich abzuholen.
Kaum war ich an Land, ging ein Jaulen durch die Schlucht. Der nächste war schon gesprungen.
Am Abend gab es dann Lamm mit Kumura und Bohnen, eingewickelt in gebratenen Speck. Die im Hostel anwesenden Franzosen schauten bewundernd unsere Kreation an und mussten zugeben, dass es ja fast so gut wie französische Küche aussähe.
Am nächsten Tag verließen wir Queenstown.

14.04.07 – 17.04.07 Franz Josef, Picton

Franz Josef erreichten wir nach einer wunderschönen Fahrt, die uns die meiste Zeit durch Urwald führte und ganz nebenbei wohl auch einen Possumprokilometerekord aufstellte. Die Dichte derer war enorm.
Franz Josef ist ein kleines, verschlafenes Nest. Gäbe es auf dieser Welt keine Touristen, hätte es aber auch gar keinen Sinn, in Franz Josef zu leben. Die Stadt hat den Namen vom gleichnamigen Gletscher gleich um die Ecke.
In Franz Josef bemerkte ich, dass dies die einzige Stadt sein könnte, in der ich je gewesen bin, die mehr Helikopterflugläden hat als Telefonzellen. Und gäbe es in diesem Touristendorf nicht so viele Telefonzellen, wäre es sogar tatsächlich die einzige Stadt, in der ich verweilte, wo es mehr Helikopterläden als Telefonzellen gibt.
Um genau zu sein kann man dort keine Helikopter kaufen, sondern vielmehr Touren über die beiden Gletscher (es gibt da noch den Fox Glacier, auch um die Ecke) und den Mt. Cook, den höchsten Berg Neuseelands. Von Franz Josef also alles ganz gemütlich per Hubschrauber zu erreichen.
Vater und ich buchten also einen Hubschrauberflug für den nächsten Tag. Danach setzten wir uns in ein Café. Während sich Vater um die Speisen und Getränke kümmerte, hielt ich draußen einen Platz für uns beide frei.
Nachdem Vater dann endlich herauskam, beschwerte er sich ausgiebig über den Plebs, der dadrin versucht die Knöpfe zu finden, auf denen „Chicken“ steht, wenn zum Beispiel jemand ein Hühnchen möchte. Er stellte sich dabei offensichtlich etwas schwerfällig an, denn immerhin brachte diese Kleinigkeit meinen alten Vater ziemlich in Rage.
Danach erzählte mir Vater von einem Bekannten, der bloß ein Ei in seinem Hodensack und Zwillinge gezeugt hat. Anschließend davon, dass bei Bekannten in Russland ein Maschendrahtzaun geklaut wurde.
Der 14. April war auch der Tag, an dem ich Laila und Katha mal wieder über den Weg lief, was uns alle sehr freute.
Am nächsten Tag hatten wir um neun Uhr einen Hubschrauberflug gebucht. Er fand nicht statt.
Stattdessen sind wir mit dem Auto zum Fox Glacier gefahren, haben ihn uns angesehen und sind dann zum Strand gefahren (20 Kilometer weiter weg) und haben von dort aus auch noch mal ein paar Bilder vom Gletscher gemacht.
Wir waren enttäuscht und böse auf die Helikopter. Sie flogen zwar, aber unsere Gesellschaft flog eben nicht, weil sie ihre Kunden nicht enttäuschen und sie nicht wollten, dass sie böse sind, weil zu viele Wolken die Sicht auf die Berge und Gletscher versperren.
Ein neuer Tag brach herein und wir standen sehr früh auf, um dann doch endlich Hubschrauber zu fliegen. Wir taten es für etwa 20 Minuten und es war sogar mein erster Flug mit einem Hubschrauber. Ich empfand es als gar nicht so schlimm, wie ich angenommen hatte. Der Heli lag ganz ruhig in der Luft und flog.
Wir glitten sozusagen über den Berge hinweg, die sich über Millionen von Jahren in ihre jetzige Form gefaltet haben, geprägt durch Wind, Wasser und Eis.
Erst als wir über die Gletscher geflogen sind, konnte man wunderbar erkennen, wie sie sich in den Fels hineingefressen haben und es sah ganz einfach und leicht aus, als ob nichts weiter dabei wäre, sich mal eben durch die Southern Alps zu fräsen. Aber das Eis tut nichts anderes, es ist es gewohnt, es ist dessen Bestimmung!
Wir flogen ganz nah über den Gipfel der höchsten Berge Neuseelands. Einige waren sogar zu steil, um überhaupt vom Eis bedeckt zu sein. Überall waren schwarze Flecken, die durch die weiße Eisschicht hindurchschimmerten.
Die Natur hat diese absurden Felsformationen geschaffen. Sie hat sie genauso geschaffen wie Sandkörner.
Schließlich landeten wir am oberen Ende des Franz Josef Gletschers. Die noch tief stehende Sonne ließ das Eis glitzern und funkeln wie eine Diamantenkammer. Es war nicht einmal sehr kalt, oben im Eis. Um uns waren nur Berge, Felsen und noch mehr Berge. Ein paar Wolken hingen in den tiefen Tälern und überall funkelte es.
Auf der anderen Seite konnte man am Horizont das Meer sehen, welches sich aus dieser Entfernung vom blauen Himmel kaum abzuheben vermochte. Wir standen auf einem Gletscher und sahen das Meer.
Nach dem Flug verabschiedeten wir uns von Katha und Laila.
Soviel kann ich ja mal vorwegnehmen, Katha sah ich danach in Neuseeland nicht mehr wieder.
Vor uns lagen acht Stunden Autofahrt bis nach Picton. Dort angekommen sagte ich auf einmal und ganz unerwartet „Hallo Litze!“.
In Picton reservierten wir uns einen Platz für die Fähre am nächsten Tag zurück nach Wellington. Es waren meine letzten Stunden auf der Sündinsel Neuseeland und im Nachhinein betrachtet sogar viel zu wenige.
Es gibt somit aber immerhin einen Grund, gerne wiederzukommen!

Wellington, Napier 17.04.07 – 19.04.07

Als wir in Wellington ankamen, begrüßte uns die Nordinsel mit störrischen Wolken, die uns ein bisschen Regen und viel Wind schenkten. Litze war auch irgendwo in dieser Stadt, aber wir sahen sie nicht.
Die letzten paar Stunden, die es nun noch hell war, nutzten Vater und ich, um nochmals zum Parlament (dem Beehive) zu laufen und uns die Innenstadt anzuschauen. Auf dem Rückweg kehrten wir noch bei einem Chinesen ein und anschließend stiegen noch ein paar Guiness in die ewigen Biergründe auf.
Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg nach Napier, eine Stadt, die durch ihre Architektur im Art-Deco-Stil bekannt und somit in Neuseeland einzigartig ist.
Wir frühstückten gemütlich und gingen dann zum Auto. Erneut in Wellington und erneut sah ich diesen Zettel am Scheibenwischer, der mir irgendwoher bekannt vorkam. Diesmal parkten wir zwar richtig, bezahlten auch anständig, doch wir hatten nicht gedacht, dass die Parkabzocker dermaßen früh und flink unterwegs sind und uns wegen zwanzig Minuten gleich zehn Dollar abverlangten.
Kaum waren wir im Hostel in Napier angekommen, stieß ich abermals ein „Hallo Litze!“ aus. Wir wussten, dass Litze ebenfalls in Napier ist. Was wir nicht wussten, ist, dass sie im selben Hostel sein würde.
Vater und ich erkundeten dennoch erstmal alleine die Stadt. Wie schon in Wellington mussten auch diesmal wieder gegen Abend einige Guiness herhalten!
Diesmal hatten wir jedoch Verstärkung, Litze war mit dabei. Wir gesellten uns in einen Irish-Pub unweit des Hostels.
An diesem Abend gab es sogar ein kleines Programm – jeden Mittwoch ist Quiznight. Der Pub war bis oben hin gefüllt. Die Leute nach der Quiznight ebenso. Der einzige, der etwas zu sagen hatte, war der Quizmaster, ansonsten durfte man nur flüstern. Wehe, jemand verstand die Frage nicht, gleich „Schhhhh“-te es in irgendeiner Ecke.
Ich weiß nicht, was es zu gewinnen gab, aber wir drei waren nach der Auflösung gar nicht mal so schlecht!

19.04.07-21.04.07 Turangi

Nach Turangio fuhren wir beide mit dem Hintergedanken bei schönem Wetter eine etwas längere Wanderung über 18 Kilometern zu bestreiten.
Dort angekommen fuhren wir dann aber erst einmal in ein Thermalbad und schauten uns Löcher, aus denen Qualm kam, platzende, absolut heiße Schlammblasen und kleine, blaue kochendheiße Teiche an. Wir hatten zuvor schon einen Bus gebucht, der uns zur Wanderung fährt und uns auf der anderen Seite nach acht Stunden auch wieder abholen sollte. Es war also alles geplant.
Um uns schon einmal einzustimmen, machten wir auch noch einen Spaziergang durch den Wald gleich nebenan und tranken danach noch ein Bierchen.
Wir wussten, dass es am nächsten Morgen früh losgehen würde und begaben uns vorsichtshalber auch schon mal ins Bettchen, denn 18 Kilometer sind nicht ganz ohne.
Das Tangariocrossing ist die bekannteste und beliebteste Tageswanderung in Neuseeland. Der Bus war also dementsprechend gut gefüllt und alle hatten ihre Schnitten und Wasserflaschen dabei, denn wie man sagt, sei das Tangariocrossing auch ein sehr anstrengendes Abenteuer, besonders für Ungeübte.
Bevor es losging, mussten wir uns aber leider Gottes noch den Lebenslauf von „der Muchte“ (wie Vater sie nannte und ich ihm zustimmte) anhören. Sie erzählte, sie käme aus Hamburg, der Osten reize sie nicht, ihr Abitur wäre sehr gut gelaufen, sie würde doch gerne Psychologie studieren undsoweiterundsofort. Es war früh am Morgen und sie war nicht die einzige, die im Bus erzählte, obwohl man nur sie hörte. Zuerst vermutete ich, sie würde mir der Fensterscheibe erzählen, denn irgendwie antwortete ihr nur sehr selten jemand. Da Fensterscheiben aber nicht gerne erzählen, war es tatsächlich ein menschliches Wesen, das eine, wenngleich einseitige, Konversation mit ihr einging.
Zum Glück sahen wir sie nicht mehr so schnell wieder.
Dafür aber eine Tschechin, die ebenfalls mit uns im Bus fuhr und immer gutgelaunt an uns vorbeilief, wenn wir gerade eine Pause machten. „Hey Boys“, sagte sie immer fröhlich. Sie war hier, weil ihr Bruder in Neuseeland heiraten würde, er aber an diesem Tag arbeitete und sie sonst gelangweilt wäre. Ihren Namen vergaß ich bereits drei Sekunden, nachdem sie ihn gesagt hatte. Da sie aber immer nur „boys“ zu uns sagte, schätze ich mal, dass es ihr genauso ging.
Das Wetter war großartig. Die Sonne strahlte und heizte genau auf die richtige Temperatur an. Der Boden war jedoch schon sehr kalt und so waren die Sonnenstrahlen genau das Richtige. Nicht ein kleines Wölkchen zierte den Himmel, das volle Licht schien auf das rot-schwarze Gestein.
Was wir uns heute vorgenommen hatten war, über den 1967 Meter hohen Mt Tongario zu wandern, einen aktiven Vulkan.
Die Landschaft war trostlos, rot, braun und schwarz wechselten sich ab. Dennoch floss ein kleiner Bach ab und zu am Weg vorbei. Man hörte ihn ab und an pletschern und wusste, dass man ihm wieder sehr nahe ist. Dennoch war die Vegetation nur selten über 30 Zentimeter hoch.
Anfangs trug Vater den Rucksack und ich meine Kamera. Wir liefen über den teilweise hölzern präparierten Weg und vor uns und hinter uns waren Unmengen anderer Wanderer. Je länger man lief, desto mehr verteilten sich natürlich auch die Anderen. Während des gesamten Weges kamen uns übrigens nur drei Leute entgegen, die anderen gingen alle im Strom in dieselbe Richtung.
Nachdem wir also eine Stunde unterwegs waren und der Pfad relativ angenehm zu gehen war, standen wir plötzlich vor einem Anstieg von etwa 300 Höhenmetern auf kürzester Distanz. Es sehr, sehr steil nach oben und wir entschieden uns, oben dann erstmal eine Pause zu machen.
Nach fünf Minuten jedoch kam mein Vater dann aber ganz schön ins Schwitzen und so brauchten wir sicherlich weitere 40 Minuten, um den Anstieg in aller Ruhe zu bezwingen. Hinterher merkten wir in den Beinen dann auch, was wir gerade geschafft hatten. Wir aßen und tranken etwas und gingen weiter und landeten plötzlich auf einem kleinen Hochplateau, eine völlig ebene Fläche von Felsen umzingelt, als würde man im Krater eines Vulkans stehen. Und so war es schließlich auch, wir standen im Krater eines Vulkans. Hier wuchs rein gar nichts mehr, keine Vegetation. Nur ein paar Steine lagen auf der Erde ansonsten war hier alles von rotem Sand und teilweise einer lehmartigen Masse durchzogen. Ein paar Vögel flogen teilweise herum, das einzige sichtbare Lebewesen hier oben, abgesehen von den zahlreichen Wanderern. Es ging nun etwa einen Kilometer nur gerade aus. Es ließ sich wunderbar laufen, wir kamen schnell voran, hätten wir nicht so viele Fotos machen müssen.
Dieses Plateau hatte mit der Erde nichts mehr zu tun, so wie wir sie kennen, als blauen Planeten. Zu den bisherigen Rottönen gesellten sich nun auch ein paar Gelbtöne und an der einen oder anderen Ecke drang auch mal ein bisschen Qualm aus der Erde.
Nun kam der nächste Anstieg auf den höchsten Punkt unserer Wanderung. Der Boden war hier noch absolut gefroren und im Schatten der roten Steine sah man interessante Eisformationen. Der Boden war nun total lehmig und da es auch nur ein schmaler Pfad war und hier schon viele Füße lang gelaufen sind, musste man höllisch aufpassen, nicht umzuknicken. Wieder ein knapp 300 Meter hoher Anstieg, wieder brauchten wir einige Minuten, um oben anzukommen.
Als wir schließlich an der Spitze des Mt Tongario waren, bot sich unseren Augen ein einmaliges Naturereignis.
Aus dem Gipfel traten in knapp 2000 Metern Höhe überall graue Rauchsäulen aus dem Boden, der hier teilweise so heiß war, dass man seine Hand nicht lange auf der Erde lassen konnte.
Und dann waren dort die drei Seen. Klarsten blaues Wasser mit sanften Gelb lagen sie ruhig in der tristen Landschaft. Sie reflektierten die Sonnenstrahlen in alle Richtungen und es blitze und funkelte auf deren Oberfläche. Am Ufer qualmte es wieder eifrig. Wir brauchten ein paar Minuten, so was hatten wir ganz sicher noch nie zuvor gesehen!
Vater hatte unseren Proviantrucksack schon lange an mich abgegeben und wir tranken erst einmal einen schönen Schluck Mineralwasser als uns eine bekannte Stimme mit den Worten „hey boys, how are you“ aus unserer Versteinerung zurückholte.
Von nun an ging es stets bergab, was sich später als ebenfalls sehr anstrengend herausstellte. Wir bemerkten schon recht früh, dass es so etwas wie Knieschmerzen gibt und verfluchten dir noch folgenden etwa 7-8 Kilometer, die noch vor uns lagen.
Auf der anderen Seite des Berges wandelte sich auch plötzlich die Vegetation um, aus nichts wurde auf einmal vertrocknetes Gras und ein paar gelbe und blaue Blümchen schauten daraus hervor.
Im Zickzack ging es nun den Berg auf der anderen Seite hinunter. Man konnte in einiger Entfernung deutlich den dichten Wald sehen, in dem uns der Bus abholte, und der noch etwa drei Stunden entfernt war. Ständig ging es abwärts, nur ganz wenige und absolut kurze Strecken erlaubten uns Erholung. Hinzu kamen dann noch ein paar Stufen, deren Höhe von 10-50 Zentimetern variierte und man sie teilweise herunter springen musste.
Als wir schließlich den Wald erreichten, waren wir heilfroh, dass wir es bald geschafft haben. Wir ahnten ja noch gar nicht, dass es noch weitere 60 Minuten dauern sollte, ehe wir endlich am Parkplatz ankommen sollten.
Den erreichten wir nach ziemlich genau achteinhalb Stunden nach unserem Start völlig ausgepumpt aber unendlich stolz auf uns, dass wir es geschafft hatten.

Kaum waren wir wieder in Turangi, schleppten wir uns noch ins Restaurant zum Essen und verabschiedeten den Tag dann wieder mit einem Bierchen, ehe wir total schlapp ins Bett fielen.

Thames, Auckland 21.04.07-26.04.07

Dies waren Vaters letzte Tage in Neuseeland. Fast drei Wochen fuhren wir zu zweit mehrere tausend Kilometer und liefen nicht wenige selbst zu Fuß. Wir sahen die höchsten Berge, die tiefsten Seen und den riesigen Pazifik.
Der April war für Vater und mich einer der erlebnisreichsten Monate in diesem Jahr.
Thames liegt im Südwesten der Halbinsel Coromandel. Je näher wie dem Norden kamen, umso wärmer wurde es. Die Gräser, Bäume und Sträucher strahlten noch in wunderschönem Grün. Als wir in Thames ankamen, packte Vater auch zum ersten Mal seine kurze Hose aus und genoss die warmen Strahlen der Sonne im Neuseeländischen Herbst.
Thames ist eine alte Goldgräberstadt, die früher nur aus Hotels und Kirchen bestand. Heute ist von beidem nicht mehr sonderlich viel übrig. Es war Samstag und viele Geschäfte hatten bereits geschlossen. Das Städtchen wirkte daher etwas verlassen, nur auf der Hauptstraße fuhr ab und an eine Auto entlang.
Im Hostel wurden wir nicht sehr freundlich begrüßt. Hinter dem Tresen saß eine dicke Frau ohne Hals, die uns verwundert anschaute, was wir denn hier zu suchen hätten und warum wir sie ausgerechnet in diesem Augenblick vom Dicksein und Faulenzen abhielten. Kurz danach besann sie sich jedoch, dass sie ein Hostel betrieb und schon zuckte ein Lächeln über ihren kleinen Mund. Der Kopf drehte sich merkwürdig auf den Schultern hin und her, als sie einen Stift suchte, um unsere Namen zu notieren.
Als wir die Rezeption verließen, fanden wir uns in einem Wald voller Verbotsschilder wieder. Auf einem stand, dass hinter diesem Schild nur noch Hostelgäste das Recht hatten, den Flur zu benutzen, sollte dagegen verstoßen werden, müssten dann leider der Unautorisierte  sowie der Hostelgast das Gebäude verlassen, wobei natürlich die zehn Dollar Schlüsselpfand einbehalten werden.
Auf einem anderen stand, dass, sofern man seinen Laptop versucht ans Internet anzuschließen ebenfalls die zehn Dollar behalten werden. Auf dem nächsten stand, dass ab 22 Uhr bitte Ruhe zu herrschen habe, da ansonsten damit gerechnet werden könnte, dass der Störenfried das Hostel zu verlassen habe (ohne Anspruch auf die zehn Dollar, versteht sich). Auf allen Schildern stand jedoch noch der Hinweis, dass man seinen Aufenthalt hier auch ruhig genießen kann.
Die dicke Frau an der Rezeption brütete sicher gerade am nächsten Verbotsschild „Wenn sie freundlich gucken oder etwas gegen Dicke haben, bitten wir sie, das Hostel gleich wieder zu verlassen, vergessen sie jedoch nicht, die zehn Dollar Schlüsselpfand trotzdem zu bezahlen“.
Wir schliefen im zweiten Stock und es war meine ehrenvolle Aufgabe, Vaters überschweren Koffer die Treppe hoch zu hieven, da er schließlich noch das Tongariocrossing in den Beinen, Armen, Finger – einfach überall – hätte.
Wir hielten uns nicht lange im Hostel auf und gingen schließlich noch ein letztes Mal gemeinsam in einen Supermarkt, um unser Abendbrot zu erwerben. An der Kasse fragte uns die Verkäuferin noch interessiert, ob es denn in Deutschland auch gerade Winter sei und als wir erwiderten, dass es dort gerade 30 Grad und Sommer wären, guckte sie uns versteinert an und wünschte uns dennoch einen schönen Tag.
Vater war traurig, Neuseeland nach so kurzer gefühlter Zeit wieder verlassen zu müssen. Er sagte mir: „Der Alte muss schuften und karrt das Geld ran, dass der Bengel dann hier im Paradies ausgibt.“ Ich stimmte ihm nickend zu.
Kurz vor dem Sonnenuntergang machten wir uns noch einmal auf die Socken, um selbigen anzusehen. Wir gingen zum Strand und konnten auf der anderen Seite der Bucht einige Berge sehen, hinter denen sich Auckland befand, wohin wir morgen fahren würden und Vater dort bereits übermorgen früh im Flieger zurück nach Deutschland sitzen würde.
Wir setzten uns auf eine Bank und Vater schaute mir leise beim Fotografieren zu. Es wurde immer dunkler und der Himmel nahm an Orange- und Rottönen zu. Die Sonne und die Berge kamen sich immer näher, während es immer dunkler wurde. Vor der Sonne flogen ein paar Vögel, die nur noch als schwarze Silhouetten zu erkennen waren. Binnen weniger Minuten war die Sonne komplett verschwunden und ging gerade zu diesem Zeitpunkt irgendwo anders auf der Welt auf.

Als wir am nächsten Morgen aufwachten, fuhren wir auf direktem Weg nach Auckland, damit Vater auch noch etwas von Neuseelands größter Stadt sehen kann. Es war für mich auch das erste Mal, dass sich seit Anfang Februar wieder hier war.
Wir checkten im Hostel ein und gingen dann geradewegs ins Zentrum. Dort ließ sich Vater über die Architekten aus. „Jeder Zweig entwickelt sich ständig weiter, die Ärzte, Physiker, Juristen, nur die Architekten gehen immer schrittweise zurück.“ Es beanstandete damit die Einfallslosigkeit derer in Aucklands Zentrum, wo tatsächlich fast jedes Haus dem anderen ähnelt. Alte Gebäude wurden unachtsam weggerissen um neuen Vierecken aus Stahl und Glas Platz zu machen.
Das letzte Mal aßen wir gemeinsam einen Snack zum Mittag und marschierten die letzten Kilometer. Am Abend gingen wir zu einem Thailänder und anschließend trank ich das vorerst letzte Guiness für mehrere Wochen in einem Irish Pub.
Ponsonby ist ein Stadtteil mit Charakter. Kleine Cafés, Restaurants, Galerien und gemütliche Shop wechselten sich ab. Vater meinte, dass ich hier noch schöne zwei Tage verbringen würde.

Am nächsten Morgen flog er ab.

Ich war darüber weniger traurig als eher. Wir würden uns zwar erst im Juli wieder sehen, aber schließlich holte ich an diesem Abend auch noch Laila vom Flughafen ab!
Unsere gemeinsame Zeit sollte beginnen, wenn auch 20 Minuten später, als eigentlich geplant.
Im „Domestic“-Terminal des Aucklander Flughafen gibt es nur zwei Fluggesellschaften, Qantas und Air Newzealand.
Ich wusste, dass Laila 20:30 Uhr aus Christchurch ankommen würde. Ich war spät dran und wollte wissen, wo die Qantas-Flüge ankommen. Ah, Mist, auf der anderen Seite des Gebäudes! Ich sprintete dort hin und kurze Zeit später kamen auch schon die ersten Passagiere. Ich wartete voller Vorfreude und schaute mir jedes Gesicht, in der Hoffnung, gleich mit dem nächstes das Langerwartete zu erblicken. Es vergingen zwanzig Minuten und ich verzweifelte schon, fragte das Bodenpersonal, das mir bestätigte, alle seien bereits ausgestiegen.
Ich ruf Laila an und fragte, wo sie denn gerade stecke. Sie wartete bereits auf mich, ließ mich die entzückende Stimme aus dem Hörer wissen, und zwar seit zwanzig Minuten.
Ich fragte Laila, ob sie denn nicht mit Qantas geflogen wäre, was sie verneinte. Aha, also doch Air Newzealand, ich rief in den Hörer „bis gleich!“ und sprintete wieder auf die andere Seite des Gebäudes, wo wir uns endlich in die Arme fielen.

Als wir am nächsten Morgen aufwachten, stand schon Litze in der Tür und grinste uns breit an.
Wir spazierten den ganzen Tag durch Auckland und die beiden kauften Souveniers.
Litze kam auch nach Auckland, um sich hier von Neuseeland zu verabschieden, genau wie Laila und es mein Vater bereits schon getan hat.
Am nächsten Tag war ANZAC-Day (Australia New Zealand Armee Corps), ein Feiertag zu Ehren der Soldaten.
Viele Geschäfte hatten geschlossen, aber wir gingen nochmals die Queen St hinunter zum Hafen und genossen die Sonnentrahlen.
Es war Lailas letzter Tag im „schönsten Land der Welt“. Morgen früh würden wir beide nach Sydney fliegen und unseren ersten Urlaub in allen Zügen genießen.
Am Abend verabschiedeten wir uns noch von Litze und knuddelten uns und es wurde wieder gefilmt und gealbert. „Wir sehen uns alle im September in Hamburg wieder“, hieß es von allen Seiten. Ich hoffe es sehr!
Der April endet hier, Sydney ist schließlich nicht in Neuseeland. Von der kleinen Weinstadt Blenheim in den Malborough Sounds ging es für Laila und mich in die Weltmetropole Sydney und wir ließen den April genauso ausklingen, wie er für uns angefangen hat – gemeinsam!

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Neuseeland (der März)

Der März

Nun, heute, da schon der vierte des Monats ist, habe ich die Notwendigkeit empfunden, wieder einmal wie wild auf die klickenden Buchstaben meines Notebooks einzuhämmern, um der nördlichen Hemisphäre an meinen Tagen teilhaben zu lassen.
Was für heute geplant ist, schreibe ich lieber morgen, da mich Rebecca, Roberta und Nathan eingeladen, mit ihnen irgendwo hin zu fahren, und da mir das Ziel dieses Irgendwohinfahrens gerade entfallen ist, belasse ich es dabei, eine Andeutung auf einen späteren Zeitpunkt zu wählen.
Mit selbiges war ich aber gestern Abend im Toast, einer Bar in Paihia und wir erfreuten uns der instrumentalen und sängerischen Darbietung der Band Kiwitroubadour. Die Bar war relativ leer, was zwar schade war, da die drei wirklich gut waren, aber man brauchte wenigstens nicht so lange anzustehen, um ein Bier zu bekommen. Als ich dieses bestellt habe, wurde mir plötzlich klar, warum man auch als Barkeeper eine dreijährige Ausbildung machen kann (kann man das? Ich hoffe doch, ansonsten stelle ich hier ja völlig sinnlose Tatsachen in den Raum). Es gibt ja Leute in unserem Universum, die benutzen zum Öffnen eines Kronkorkens einen Flaschenöffner. Eine tolle Erfindung, so ein Flaschenöffner, sonst bekäme man den Kronkorken ja schließlich nicht artgerecht auf. Ich gehöre jedoch zu den Menschen dieser Welt, die Kronkorken mit allem öffnen außer Flaschenöffnern. Dieses „Ich bin unkreativ und benutze einen Flaschenöffner“-Klischee gefällt mir nicht, wobei die Vorzüge des Flaschenöffners auf der Hand liegen. Auch die Bedeutung ist mehr als deutlich. Nimmt man ein Feuerzeug, macht man damit Feuer. Feuer. Nicht Flasche. Feuer! Warum benutzen nun Menschen, die kein Feuer machen wollen, ein Feuerzeug? Zum Flaschenöffnen. Demnach wäre es ein Flaschenzeug. Dieses Wort gibt es in ähnlicher Form bereits (Flaschenzug), aber damit kann man auch keine Flaschen öffnen. Also nimmt man eine Gabel. Mit einer Gabel spießt man Dinge auf. Obst, Gemüse, Fleisch oder Mist (im Falle einer Mistgabel). Jedoch lassen sich Flaschen nicht aufspießen und Kronkorken auch nicht. Also muss der Flaschenöffner wieder her. Da man mit einem Flaschenöffner weder Feuer machen, noch Obst, Gemüse, Fleisch oder Mist aufspießen kann, öffnet man mit ihm eine Flasche; einfach clever, dachte sich auch der Barmann und öffnete die Flasche mit dem Flaschenöffner. Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, mit einem Flaschenöffner die den Kronkorken zu öffnen. Normalerweise nimmt man den Flaschenöffner in eine Hand, öffnet die Flasche und legt den Flaschenöffner dann wieder weg. Dieser Barmann nahm jedoch den Flaschenöffner in die Hand, warf ihn hoch, fing ihn auf, ließ ihn mehrmals um seinen Zeigefinger rotieren, warf ihn wieder hoch, fing ihn hinter dem Rücken auf, wechselte ihn in die andere Hand und plötzlich machte es plopp und die Flasche war offen. Er benutzte nicht die Flaschenöffner-Seite, sondern die gegenüberliegende, die die Form der unteren Seite eines Feuerzeuges oder einer Gabel hat. Da ich nun aber nicht nochmals abschweifen möchte, belasse ich es einfach mal dabei…
Nichtsdestotrotz musste ich fünf Dollar bezahlen und ging dann wieder zu den anderen und lauschte der Musik…
Heute, am 6. März 2007 weiß ich von einer weiteren großartigen Erfindung zu berichten, gestern, am 5. März hat Bob ein paar lustige Bemerkungen gemacht und nun erstmal zurück zum 4. März, an dem ich mit den drei bereits erwähnten und dazu noch Gareth die Kaori-Bäume gesehen habe.
Auch wenn wir es eigentlich gar nicht wollten, kamen wir schließlich doch zufällig nach Kawakawa, dem Ort, an dem Friedenreich Hundertwasser ein Scheißhaus designed hat (und in dessen Nähe er die letzten 20-30 Jahre seines Lebens zugebracht hat). Da dieser Ort nicht besonders groß ist, ist es das außergewöhnliche Klo auch nicht, drei Pinkelbecken und eine Sitzgelegenheit zeugen von wenig Verkehr auf diesem Örtchen (Ich habe mir kein Bild von der Damenabteilung gemacht). Die anderen vier fanden es aber schön, mal auf einem Hundertwasser-WC gewesen zu sein.
Wir setzten unsere planmäßige Route nach Westen dann fort.
Schließlich machten wir eine Pause an einer wunderschönen Bucht oder eher Lagune, die nur einen kleinen Zugang zum Meer hatte und sich weit ins Landesinnere erstreckte. Da wir dort nur saßen und etwas aßen, hat es eigentlich wenig Sinn, jetzt weiter darüber zu berichten. (Rebecca hat mir einen Apfel angeboten, den ich abgelehnt habe, aber ich habe ein paar Salsa-Chips von Rebecca gekostet.)
Ach ja, es gab dort keine Eiscreme, was Rebecca und Roberta überhaupt nicht gefiel und als wir schließlich den größten aller Kaori-Bäume erreichten, gab es dort auch keine Eiscreme (auf dem Rückweg gab es zwar Geschäfte, in denen Eiscreme verkauft wurde, die schlossen aber gerade, also ein Tag ohne Eiscreme…)
Der Baum hat nun also in den letzten 1500 Jahren nichts anderes gemacht als mal so ein bisschen in die Höhe zu schießen und ist mittlerweile etwa 52 Meter groß. Der Stamm ist riesig und erst nach etwa 40 Metern kommt mal so ein etwas größerer Zweig (davor ist nur Stamm, nichts als Stamm!).
Und als wir nun also so vor uns hin staunten, wie groß dieser Baum ist, und dass der erste Zweig erst nach etwa 40 Metern herauswächst, entdeckte Nathan einen Vogel. Das scheint nun nicht weiter verwunderlich zu sein, zumal es ja im Regenwald allerhand Vögel gibt; da es sich dabei jedoch um einen bunten Papagei handelte, wollte ihn jeder sehen. Dumm nur, dass so ein Papagei im Verhältnis zum Kaori ausgesprochen klein ist und sich dieser Papagei nun also ausgerechnet im ersten Zweig des Baumes befand, was uns vielmehr annehmen ließ, dass dieser bunte Fleck im grau-grün des Baumes ein Papagei sein müsste.
Der große Kaori trägt nicht nur zahlreiche Blätter, sondern auch den Namen Tane Mahuta, was übrigens soviel heißt wie Tane Mahuta.
Ein paar Meter weiter gibt es noch eine weitere interessante Konstruktion von Kaori-Bäumen, die als „Four Sisters“ bezeichnet wird. Dort teilen sich sozusagen vier riesige Bäume (riesig, aber dennoch viel kleiner als Tane) eine Wurzel. Es sieht jedenfalls so aus, als täten sie es.
Genug über Bäume! Als wir zurückfuhren, machten wir noch mal bei der Lagune halt, bzw. bei dem Punkt, an dem sie ins Meer fließt oder das Meer in die Lagune. Ich weiß eigentlich nicht mal, ob überhaupt irgendwas fließt, aber jedenfalls ist an diesem Punkt Wasser und zwar sogar ziemlich salziges.
Dies jetzt mit Worten zu beschreiben fällt mir außerordentlich schwer, da ich an dieser Stelle meine bisher schönsten Bilder gemacht habe, auf die ich jetzt mal verweise!
Nur soviel: Die Opononi Bucht ist wunderschön und es ist einfach beeindruckend, wie aus saftigem Grün auf einmal eine große Sanddüne wird und das alles mit der schönen Farbgebung des blauen Meeres.
Im nächsten Ort speisten wir dann zu Abend, und was liegt da für vier Britten näher als Fish’n Chips.
Fish and Chips sind ja gemeinhin als Fisch mit Pommes zu bezeichnen. Und unter Pommes kennen wir nichts anderes als Pommes entweder mit oder ohne Ketchup oder Majo.
Aber wer hätte gedacht, welche verrückten Kombinationen es dabei gibt. Ich aß Kumura-Pommes (Kumura ist eine Art Süßkartoffel, die in Neuseeland sehr populär ist) mit Ketchup und Majo. Rebecca hatte Garlic-Chips (also Knoblauchpommes), Nathan hatte irgendetwas rotes süßes als Dip. Roberta träufelte Essig über ihre Chips und Gareth hatte Pommes süß-sauer.
Die Vielfalt der Fish’n Chips in Neuseeland steht in einem sehr lustigen Verhältnis zum Brot in Deutschland: In Deutschland gibt es Pommes (höchstens mit Ketchup oder Majo), alles andere scheint unüblich, dafür aber hunderte von Brotsorten. Hier, in Neuseeland, gibt es zig verschiedene Arten von Fish’n Chips aber dafür nur Toastbrot…
Und es gibt hunderte toter Opossums am Straßenrand, das nur mal als Einwurf, es entspricht aber dennoch der Wahrheit.
Nun ein ungekonnter Thema- und Tageswechsel auf den 5. März.
Es war Svens letzter Arbeitstag bei Bob und als er Schluss machte, unterhielt er sich noch kurz mit ihm übers Autofahren und Bob vertraute Sven an, dass er nie Claire in ein Auto setzen würde, da er weder das Auto, noch Claire jemals wieder sehen würde. Als später Laila noch hinzukam, bemerkte Bob sehr eindringlich, dass man hier auf der linken Seite fahre und dass man beim Rechtsabbiegen auch wieder in die linke Spur müsse. Er erklärte Laila auch noch, dass man bei einem Stop-Schild (er buchstabierte S-T-O-P) anhalten müsse, wohingegen es in Neuseeland üblich sei, bei über die Straße gehenden Kindern einfach weiterzufahren…

Das Trinkspiel

Gestern Abend waren wir alle ziemlich betrunken. Dafür war es für Sven umso problematischer heute früh um fünf Uhr aus welchen Gründen auch immer aufzustehen. Sven bat mich noch, sicherheitshalber meinen Wecker zu stellen, was ich auch tat und er klingelte sogar um fünf Uhr. Ich wurde wach und das ganze Zimmer mit mir auch. Ich tippte Sven an und gab ihm zu verstehen, dass es um fünf wäre und er doch aufstehen wolle, was er aber nicht tat. Ich ging aufs Klo und hörte von dort, wie Lailas Wecker klingelte, denn er musste sie wohl auch gefragt haben. Als dann einige Sekunden später Svens Wecker (oh, er hats ja doch geschafft ihn zu stellen) klingelte, hörte es sich wie ein kleines Fünfuhrmorgenskonzert an. Das Zimmer war wach, ich wieder im Bett und alle wälzten sich hin und her. Als alle fast schliefen, bimmelte fünf Minuten später wieder Lailas Wecker (sie hatte ihn nicht richtig ausgemacht) und natürlich einige Sekunden später auch Svens Wecker. Wieder waren alle wach, aber keiner beschwerte sich oder sagte etwas, alle rutschten nur wieder in ihren Betten hin und her. Als Sven es endlich schaffte, den Wecker stillzukriegen, lag er aber immer noch im Bett und hatte keine Lust aufzustehen. Vielmehr schlief er fast wieder ein, wie alle im Zimmer. Fünf Minuten später ging Svens Wecker schon wieder los. Wieder alle wach, wieder wälzten sich alle hin und her. Dieses Mal jedoch erregte sich ein Widerstand und ein Mädchen aus einem anderen Bett erhob sich und sagte irgendwelche Bösen Worte zu Sven, die ich jedoch nicht hören konnte, da ich von der wunderbaren Erfindungen der Ohropacks Gebrauch machte.
Sven stand nun doch auf und verließ das Zimmer. Ich schlafe direkt neben der Tür und wie soll es anders sein, Sven kam noch zweimal ins Zimmer und wieder wurde ich wach (wie einige andere übrigens auch). Als Sven endlich weg war, konnte ich nicht mehr einschlafen (aber ich schlief dank der Ohropacks dann von etwa sechs bis elf Uhr durch).
Das waren nun also die Folgen des Spiels in unserem Zimmer. Im Zimmer zwei, gegenüber, in dem Jay, Rebecca, Nathan und Roberta schlafen, passierte auch etwas.
Jay verließ das Spiel und den Tisch etwas eher als die anderen, um zu schlafen. Als die anderen drei dann leise ins Zimmer kamen, Licht ausmachten und sich leise unterhielten, hörten sie auf einmal ein Geräusch, das so klang, als würde jemand aus seinem Bett fallen. Sie knipsten das Licht an und stellten fest, dass Jay tatsächlich aus seinem Bett gefallen war (er schläft unten) und nun hektisch nach seinem Tagebuch kramte. Als er es gefunden hatte, stürmte er wild nach draußen und setzte sich auf eine Bank, auf der ich auch noch saß. Rebecca und Roberta kamen auch noch raus und wir drei versuchten nun Jay davon zu überzeugen, dass er nicht am Strand, sondern viel mehr auf einer Bank im Hostel war. Er holte seine Socken aus einer Tasche und argumentierte, dass er sehr wohl am Strand war, da sie ja nass und sandig seien. Es dauerte etwas, ihn davon zu überzeugen, dass er mit einer trockenen Hose unmöglich im Wasser gewesen sein könnte…
Das Trinkspiel besteht aus mehreren kleinen Regeln, die immer, wenn sie verletzt werden, einen Schluck Wodka (in unserem Fall ein halbes Glas Weißwein) zur Folge haben.
Die wichtigste Regel ist dabei, dass man auf keinem am Tisch mit dem Zeigefinger zeigen darf (Ellenbogen ist erlaubt). Zeigt man doch mal auf jemanden, muss man trinken. Die zweite Regel ist, dass man nur mit der linken Hand trinken darf (egal was, ob nun den Strafbecher oder sein eigenes Bier). Trinkt man mit der rechten, kommt er Strafbecher, trinkt man den Strafbecher auch wieder mit der rechten, wird er noch mal aufgefüllt. Sieht man nun jemanden, der Regel zwei verletzt, möchte man dies natürlich den anderen am Tisch mitteilen und zeigt auf ihn. Tut man das nun also mit dem Zeigefinger, muss derjenige, der gepetzt hat, auch etwas trinken.
Die dritte Regel ähnelt schon eher einem Spiel. Im Laufe des Spiels kann irgendwer seine Hand ans Ohrläppchen nehmen. Dies müssen dann alle machen, aber es muss jedem selbst auffallen, denn demjenigen, dem es zuletzt auffällt, der muss zur Strafe trinken (man kann schon mal fünf Minuten dasitzen mit der Hand am Ohr). Hat man nun endlich den letzten ermittelt, kommt es vor, dass der Initiator der Ohrläppchenaktion wie wild aufspringt und auf den letzten zeigt. Tut er das mit dem Zeigefinger, nun ja, ihr wisst schon. Übrigens sollte man sich das Ohrläppchen mit der rechten Hand festhalten, denn mit der linken muss man trinken, sonst…
Das eigentliche Spiel besteht nun eigentlich aus jeweils zwei Wörtern. Das eine Paar lautet „fuzzy duck“ und das andere Paar ist „ducky fuzz“. Derjenige, der zuletzt zur Strafe getrunken hat, sagt nun also eines der beiden Wörter und gibt eine Richtung vor, in die es weiter gesagt werden soll. Sagt nun jemand „fuzzy duck nach rechts“, müssen alle rechts von ihm nacheinander „fuzzy duck“ sagen und immer weiter, die Runde rum. Sagt nun aber jemand „Does he?“ dreht sich die Runde um und das entgegensetzte Wortpaar muss gesagt werden.
Ein Beispiel: Ich sage „fuzzy duck to my right“, sagt Nathan rechts neben mir „fuzzy duck“, dann wiederum Roberta, die rechts von Nathan sitzt und auch „fuzzy duck“ sagt. Rechts neben Roberta sitzt Sven und der muss nun auch „fuzzy duck“ sagen. Sagt Sven jedoch „Does he?“ (jeder kann „Does he?“ sagen, um die Runde umzudrehen) muss nun Roberta „ducky fuzz“, dann wieder Rebecca, Nathan und ich, bis wieder jemand „Does he?“ sagt, wobei dann wieder aus „ducky fuzz“ „fuzzy duck“ wird. Dass die Runde jedoch nur ganz selten vollendet wird, versteht sich ja wohl von selbst, da immer wieder jemand „fucky duzz“ oder „does he fuck?“ oder „fuzzy fuzz“ oder was auch immer sagt, wobei die Strafe dann darin besteht, den Schluck Wodka zu trinken. Aber nicht mit der rechten Hand, sonst… Dieses Spiel in Kombination mit den ganzen Regeln verleitet zu regelrechtem Alkoholkonsum und kann sehr teuer werden.
So zum Beispiel für Oliver aus England, der auch mitspielte und mit seiner Freundin um 50 Dollar gewettet hat, dass er in Neuseeland nicht einmal betrunken ist. Die beiden waren nun schon  ein halbes Jahr hier und fahren übermorgen nach Hause…
Weiterhin erzählte Gareth eine lustige Geschichte über einen Tierversuch. Da ich an deren Authenzität zweifele, erzähle ich sie mal im Konjunktiv. Es soll wohl man einen Menschen gegeben haben, der erforschen wollte, wie sich Affen verhielten, die im freien Fall aus einem Flugzeug geschmissen würden. Der Wissenschaftler hatte wohl einen Fallschirm dabei, den er geöffnet habe. Er ließ dann wohl den Affen los, um bereits Erwähntes zu erforschen. Der Affe soll jedoch am Fallschirm nach oben geklettert sein und dazu geführt haben, dass der Fallschirm in sich zusammen gesackt wäre und nicht nur den Affen, sondern auch den Wissenschaftler in einen freien Fall versetzt haben soll. Der Wissenschaftler wäre an den schweren Folgen des Aufpralls auf die Erde aus mehreren Kilometern Höhe gestorben, sagte Gareth. Ich fragte, was dem Affen passiert sei. „Dead as well“, sagte Gareth.

Der Dachbodenmann

Noch im Februar trafen wir einen Sachsen, der im Folgenden einfach mal nur als der Sachse bezeichnet wird, was ja nicht falsch ist.
Der Sachse ist etwa um die 1,75 Meter groß, hat rote Haare, die hinten zu einem langen Zopf zusammengebunden waren. Als wir in zum ersten Mal sahen, sprossen zahlreiche rote Bartstoppeln aus seinem Gesicht. Seine Kleidung sah abgewetzt aus und machte nicht mehr den neusten Eindruck. Ihn umgab insgesamt eine komische Aura. Wie sich später herausstellte, war die Ursache selbiger seine Füße.
Eines Tages war der Sachse einfach da. Keiner wusste, warum er auf einmal da war und warum ausgerechnet in unserem Hostel.
In Sachsen beendete der Sachse seine Schullaufbahn nach acht Jahren und lernte anschließend einen Beruf als Skulptist (oder wie das heißt) beziehungsweise als Restaurator. Mit dieser unglaublichen Bildung gepaart mit dem Englisch eines konservativen Franzosen, der gerade ein Baguette isst, machte sich der Sachse auf den Weg nach Neuseeland, um nicht nur hier zu arbeiten, sondern gleich zu wohnen und zwar für immer. Das lustige an der Sache ist, dass sich der Sachse gedacht hat, dass um die 500 Bugs (also etwa 270 Euro) zu diesem Vorhaben reichen würden.
Er wohnte nun zunächst einmal in unserem Hostel, was nicht weiter schlimm gewesen wäre, hätte er nicht auch noch in unserem Zimmer geschlafen.
Es war ein regelrechter Schock, als ich von der Arbeit kam und der Sachse das Bett über mir bezogen hatte.
Der Sachse ging mit der Einstellung durchs Leben, dass man sich oft waschen sollte, aber dass es bei seinen Sachen keinen Sinn macht, da diese ja eh wieder dreckig werden. Diese Einstellung kommt ins Besondere in seiner Aura der Fußgegend zum tragen, da er wahrscheinlich nur ein Paar Socken mithatte und diese nie aus den Schuhen kamen. Da gerade Geruchsmoleküle sehr klein sind, kamen diese sehr wohl aus seinen Schuhen.
Wir alle kennen das Phänomen Schweißfuß. Nun stellen wir uns alle unser schlimmstes Erlebnis mit Fußgeruch vor und multiplizieren, oder besser noch potenzieren, es mit 43,546. Wer diese schwere Aufgabe gelöst hat, kann sich dann in etwa ein Bild von der Aura des Sachsen machen.
Trotz dieser unangenehmen Lebensauffassung (keiner wollte neben ihm sitzen oder gegenüber oder am besten gar nicht am selben Tisch) war der Sachse ein durchaus netter Mensch. Da er ja auch noch Deutsch konnte, war also ein bisschen Konversation möglich (wenn da nicht diese Schuhe und die Socken und das alles wären). Der Sachse hatte jedoch ein Problem; und zwar weder Geld noch Arbeit zu haben.
Es ist gewissermaßen lustig, in der Hoffnung nach Neuseeland zu kommen, hier alte Häuser oder historische Kirchen restaurieren zu können.
Stattdessen  suchte sich der Sachse nach etwa zwei Wochen einen Job als Housekeeper in einem Hotel.
In diesen zwei Wochen jedoch stellte der Sachse plötzlich fest, dass Geld im Gegensatz zu seinem Geruch unter dem linken großen Zehnagel nicht unendlich ist. Es war schlicht und einfach alle.
Dies war der Zeitpunkt, an dem Maria die Bühne des Sachsen betrat. Sie ließ ihr Herz erweichen und fühlte eine eigenartige Form Mitleid mit armen, kleinen Sachsen, der Deutschland mit seinen 270 Euro verließ, um die Kirchen Neuseelands zu erobern.
Sie stellte ihm ihr Auto als Schlafplatz zur Verfügung. „In der Not frisst der Teufel fliegen“, sagte der Sachse. Könne schon sein, sagte ich ihm.
Als sich Marias Mitbewohner gegen die Tatsache wandten, ein Schwarzes Loch vom Fußgeruch vor ihrer Haustür schlafen zu haben und sich auch Maria im Auto nicht mehr wohl fühlte, lieh sie ihm Geld. Mittlerweile bereut sie diesen Schritt, aber mit diesem Geld ging der Sachse in ein anderes Hostel, um dort zu nächtigen.
Die Revolte der Zimmermitbewohner ließ nicht lange sich warten und der Hostelchef kontaktierte Maria mit der Bitte, ihm mitzuteilen, dass er entweder seine Füße waschen solle, oder das Hostel verlassen müsse.
Maria hofft sehr, das Geld vom Dachbodenmann zurückzubekommen.

Drei Nächte wie keine anderen

Ich versuchte ja bereits die Problematik der Lautstärke in einem Achtbettzimmer zu beschreiben. Die Lösung lag mit Ohrstöpseln sehr praktisch auf der Hand.
An einem Tag zog jedoch das Monster bei uns ein. Achtung liebe Freunde des Achtbettzimmers, ich rate euch, flüchtet, wenn ihr auf einen Daniel Wilson aus England stoßt, dieser längere lockige Haare und ein paar Tatoos hat. Trinkt dieser dann auch noch jeden Abend eine Flasche Wein und raucht gemütlich ein paar Zigaretten, rate ich euch wirklich, nichts wie weg!
In der ersten Nacht war er alleine. Der tiefen Töne drangen durch seine Nase direkt durch meine Ohrstöpsel und hämmerten aufs Trommelfell. Ohrstöpsel also rausnehmen, nochmals neu ausrichten und wieder rein damit. Immer noch dieses leichte Dröhnen im regelmäßigen Takt. Also dann das Kissen über beiden Ohren. Ahh! Wunderbar, nur noch ein leises Brummen. Die Nacht konnte weitergehen.
Am nächsten Tag sind dann Laila und Sven ausgezogen. Statt ihrer bevölkerten nun zwei weitere ältere Herren das Zimmer.
Es war nachts, drei Uhr vierzehn. Lautes Dröhnen ließ mich aus meinem Tiefschlaf erwecken. Wo waren nur meine Ohrstöpsel? Mist, schon drin! Was nun anstellen, dachte ich. Nach kurzem Überlegen wieder die Kopfkissenmethode, die vorige Nacht noch so wunderbar funktioniert hatte. Dann fing der zweite ältere Mann mit Schnarchen an, dann noch Daniel Wilson. Ich war verzweifelt und ging erstmal pullern, in der Hoffnung, dass es dann hinterher irgendwie besser wäre.
Leiser war es jedenfalls nicht! Also den iPod rausgeholt und Lautstärke soweit aufgedreht, dass das Schnarchen fast verschwunden war. Leider Gottes ergab sich daraus gleich das nächste Problem: Die Musik war zu laut. Was nun, dachte ich. Ich grübelte eine Stunde unter stärksten akustischem Einfluss darüber nach, wie ich nur Ruhe in dieses Zimmer bekommen konnte. Ich stand auf, ging zum lautesten Schnarcher, und zog an seinem Kissen. Er wachte auf und schaute verwirrt im Zimmer umher, entdeckte mich und warf mir böse Blicke zu. Ich erklärte ihm, dass er gerade geschnarcht hatte und dass ich trotz meiner Ohrstöpsel nicht schlafen könne. Ich hatte den Satz noch nicht einmal beendet, da schlief er schon wieder, aber immerhin war er leise!
Nun nur noch zwei. Aber konnte ich das ganze Zimmer aufwecken? Ich überlegte, ob ich die anderen beiden nicht einfach umbringen könnte… Kurzfristig sicherlich die beste Lösung aber langfristig gesehen hätten sich darauf einige Probleme ergeben können. Also zog ich meine Hose, einen Pullover über, nahm mein Kissen und ging erstmal raus zu den Tischen. Dort knallte ich fluchend das Kissen so laut wie man nur ein Kissen irgendwo hinknallen kann auf den Tisch. Es machte ein leises dumpfes Geräusch. Ich gab mich damit zufrieden und versuchte sitzend den Kopf vornüber auf dem Kissen gelehnt weiter zu schlafen. Nach etwa zehn Sekunden merkte ich, dass diese Position einen gewissen Nachteil hatte, denn ich bekam keine Luft mehr. Also legte ich den Kopf seitwärts aufs Kissen. Als ich fast eingeschlafen war, fing mein Nacken an zu schmerzen außerdem fror ich bereits.
Ich wollte noch mal im Zimmer horchen, ob Daniel und Co. vielleicht mal eine Pause machten. Aber ich stand noch nicht mal vor der Tür, da hörte ich schon, dass jeder Versuch darin zu Schlafen zum Scheitern verurteilt ist.
Mir kam die Idee, dass ich auf dem Klo übernachten könne. Ich schloss mich in einer dieser verdammten Kabinen ein und legte das Kissen auf die Klospüle und setzte mich zum Schlafen aus Klo. Diesmal konnte ich meinen Kopf in den Nacken legen, was ich auch prompt tat und sofort fing die Klospülung an, sich in Gang zu setzen. Wütend und der Idee, jetzt jemanden umzubringen immer näher kommend, ging ich 6:15 völlig übermüdet wieder ins Zimmer zurück und komischer Weise fiel ich auch gleich in einen tiefen Schlaf, der erst 8:40 durch meinen Wecker unterbrochen wurde.
Als ich den vier Cleanern diese Geschichte erzählte, tat ich ihnen plötzlich Leid und sie boten mir ein Bett in ihrem Zimmer an (Marie und Phil schliefen gemeinsam in einem Bett, sodass eines frei war). Das war eine wunderbar leise Nacht, nach den Strapazen der vorigen Nächte und nun schreibe ich vor Energie strotzend und munter diese Zeilen und frage mich gerade, ob eine entladene Batterie leichter ist, als eine frisch aufgeladene.

Der letzte Tag

Wohnt man vier Wochen in einem Hostel, sieht man Leute kommen und gehen. Einige bemerkt man nicht einmal, mit anderen wechselt man die üblichen Sätze „Woher kommst du?“, „Wie heißt du?“, „Wie lange bist du schon in Neuseeland und wie lange bleibst du noch?“ Manchmal fragt man dieselbe Person diese Sätze mehrmals, weil man sie so oft benutzt, dass man irgendwann den Überblick verliert, wer eigentlich was macht und warum er zum Teufel noch mal nicht schon lange abgefahren ist.
Es gibt aber auch einige Personen, und es sind wirklich nicht viele, mit denen man mehr Gespräche als nur den üblichen Smalltalk führt. Es sind die Leute, mit denen man lacht, heftig diskutiert, über Gott und die Welt plaudert und die einem kleine Gefallen tun. Manchmal waschen sie deinen Teller oder helfen dir mit ein wenig Olivenöl in der Not. Es sind die Leute, zu denen du dich gesellst, wenn du abends von der Arbeit kommst, deren Email-Adressen du bekommst und wo du ganz genau weißt, wie schade es ist, dass der Kontakt wahrscheinlich nicht lange halten wird.
Man ist nicht direkt traurig, wenn sie weiterreisen, aber ihr letzter Tag ist doch etwas mulmig, wenn es heißt „Wir fahren morgen“.
Heute ist der 11. März 2007 und die letzte Woche war so eine, in der es gleich mehrere letzte Tage gab.
Roberta, Nathan und Gareth waren die ersten, die aufbrachen, um weitere Landschaften, Tiere, Kontinente und Menschen kennen zu lernen. Roberta und Nathan machten sich auf den Weg nach Australien, Gareth ist nur ein paar Kilometer weiter gefahren. An deren letzten Tag, dem 6. März,  hatte ich frei und wir fuhren mit der Fähre nach Russell zum Long Beach, einer wunderschönen Bucht mit hohen Wellen und blauem Meerwasser.
Da es eigentlich auch Svens und Lailas letzter Tag sein sollte, machten wir abends noch ein Barbecue. Ein Essen für die Götter. Gegrillter Mais, Rumpsteaks, gegrillte Pilze und frischer Salat und natürlich Bier beziehungsweise Rotwein.
Da ich am nächsten Morgen zum Supermarkt musste, kam dann der Augenblick, an dem es hieß „See ya“, wobei man ganz genau weiß, dass man sie wohl nie wieder sehen würde. Eine Umarmung, ein paar nette Worte und Roberta und Nathan waren aus meinem Alltag verschwunden.

Hätte das Auto nicht gestreikt, wären Sven, Laila und Alice auch am 7. März, einem wunderschönen Tag in Paihia mit Sonnenschein und strahlend blauem Himmel, nach Coromandel aufgebrochen. Deren Abschied verzögerte sich jedoch um zwei Tage. Es war aber kein richtiger Abschied, da ich die drei wohl in einer Woche wieder sehen werde.
Trotzdem eine komische Sache, gerade bei Sven und Laila, da wir uns doch jeden Tag sahen, ein Zimmer bewohnten und uns abends beim Zähneputzen trafen.
An deren letzten Tag liehen wir uns Stacys Volleyball aus und gingen hinunter zum Strand und spielten ein bisschen vor uns her. Dann zerrten wir Laila ins Wasser und waren auf einmal alle pitschenass.
Da auch Natalie (eine Belgierin, die auch bei FourSquare arbeitete) nach drei Monaten ihren letzten Tag in Paihia hatte, gingen wir abends zum Grillen dorthin. Am nächsten Morgen ging ich wieder zum Supermarkt und Laila und Sven fuhren los. Wir sahen uns noch kurz, umarmten einander und wechselten ein paar nette Worte. „Bis bald“, hieß es.
Als ich nachmittags ins Zimmer kam, war niemand da. Sven spielte diesmal nirgends mit seinen Devilsticks. Auf seinem Bett lag auf einmal ein Bikini und der Fußboden war von sämtlichen Sachen befreit. Unter Lailas Bett, wo wochenlang Flipflops und andere Sachen herumlagen, befand sich ein Rucksack, ordentlich zusammen geschnürt, an dessen Seite ein paar Boxershorts heraushingen.
Das ist nicht mehr mein Zimmer, dachte ich, das ist nicht mehr die Vier!

Gestern hatte ich meinen letzten Tag bei Foursquare. Ein ganz normaler Tag, Regale einräumen, Lieferungen ausfahren, die Kasse betreuen. Kurz vor Feierabend, kurz vor Fünf, fragte mich Gay, wie lange ich heute arbeiten würde. Bis um fünf, sagte ich. Sie seufzte.
Um fünf bat ich Bob, meine Referenz zu schreiben, ich machte meine letzte Lieferung und setzte mich noch für weitere ein bis zwei Stunden in sein Büro und erzählte mit Bob und keiner von uns beiden wollte diese Konversation als erster beenden.
Kurz vor um sieben sagte Bob, dass Rugby im Fernsehen käme. Ich sagte, dass ich Hunger hätte. Mit diesen Worten beendeten wir dann doch das Gespräch und Bob händigte mir meine Referenz aus. Ich bedankte mich, er bedankte sich. Dann noch „Auf Wiedersehen, Claire, auf Wiedersehen Gay!“ Eine Umarmung, ein paar nette Worte und es hieß dann wieder „See ya“. „Vielleicht komme ich noch mal nach Paihia“, sagte ich Bob. Er schenkte mir eine Schokolade.

Auf dem Weg zurück vom Supermarkt zum Hostel traf ich Marie (die Sven damals geweckt hatte, als er nach Cape Reinga fuhr), Beccy und Jay. Wir aßen gemeinsam Fish and Chips. Es war mein letzter Tag. Abends grillten wir frischen Fisch, den uns Stacy zubereitete. Einen frischen Salat gab es auch.
Anschließend war ich mit Maria noch im Beachhouse, wir erzählten über Gott und die Welt.
Nachher fahre ich mit Beccy nach Whangarei. Maria will noch vorbeikommen, um „See you“ zu sagen. Dann werde ich mich von Jay, Stacy und Marie verabschieden. Wir werden uns umarmen und ein paar nette Worte wechseln. Ich werde sagen „See ya guys“… Unsere Email-Adressen haben wir schon ausgetauscht.
Als ich vorhin meine Sachen packen wollte, kam ich in mein Zimmer zurück. Es war leer. Kein Mensch darin und nur drei Betten belegt. Eines war meins. Ich packte meinen Rucksack und stopfte alles in ihn hinein, danach zog ich das Bettzeug ab. Ein letzter Schluck aus der fast leeren Wasserflasche, ich warf sie in den überquellenden Mülleimer. Ein paar Tropfen sind ganz sicher noch drin. Mein nächstes Wasser kaufe ich mir schon in Whangarei. Ich schaute mich noch mal um, ob ich alles zusammen hatte. Ich entdeckte den Apfel, der schon seit vier Wochen auf dem Schrank lag.
Ein letzter Blick unter das Bett. Dort lagen in einer Ecke zwei Luftballons und waren nun im Laufe der letzten Wochen eigenartig verschrumpelt. Auf einem stand eine große 21, auf dem anderen „Happy Birthday Sven!“

Das war Paihia…

Whangarei 11.3.2007 bis 13.03.2007

Beccy und ich verließen nun also unsere fast neue Heimat Paihia. Wir warteten keine fünf Minuten und schon saßen wir im Auto von Jon, einem Dänen, der beruflich in Neuseeland unterwegs ist und ein Herz für Backpacker zu haben scheint. Er nahm uns mit bis ins Zentrum von Whangarei, wo wir dann auf Lynnique warteten.
Lynnique ist eine weiße Südafrikanerin, die aufgrund der schlechten Bezahlung in ihrer Heimat nun als Ärztin in einem Krankenhaus in Whangarei arbeitet. Beccy hat uns bei ihr eine kostenlose Nacht besorgt.
Kurze Zeit später fanden wir uns auch schon im Vorort Onehari wieder, in der Lynnique ein Haus gemietet hat und dort residiert. Jawohl, residiert! Ich habe selten ein so schönes Haus gesehen. Es liegt auf einem kleinen Hügel, der einer wunderschönen Bucht zugewandt ist. Schaut man aus dem Fenster, oder besser noch, geht man auf die Terrasse mit Meerblick, sieht man nicht nur wie die zarten Wellen über die Wasseroberfläche kräuseln, sondern in der Ferne in einem blauen Dunst eine größere Bergkette. Hinter dem Haus befindet sich noch ein kleiner Garten. Wunderschön! Die drei Zimmer sind wunderbar aufgeteilt und sehr groß; überall sind große Fenster und lassen die Sonnenstrahlen die Wohnung erhellen (und leider auch jede Menge Insekten rein!).
Lynnique hat immer einen Zwölfstundentag und war abends dementsprechend geknickt, sodass Beccy und ich nur noch mal schnell den Strand entlang gelaufen sind und als wir wieder oben waren, befand sich Lynnique schon im Bett (und da sie am nächsten Morgen schon um acht Uhr im Krankenhaus sein musste, sah ich sie nicht noch einmal wieder).
Im diesem Haus wohnt aber auch noch Marie, die Mutter von vier Kindern (eines davon ist Lynnique), von denen derzeit zwei in Neuseeland und zwei in Südafrika wohnen. Marie schreibt über Diäten für ein Magazin, das in Afrikaans erscheint.
Sie war es auch, die Beccy und mich am nächsten Tag in der Stadt aussetzte und ich mich im Hostel „The Mural“ einquartierte. Beccy hingegen entschied sich, nach Auckland zu fahren, da sie in einigen Tagen weiter nach Chile fliegt.
Ich checkte nun also im Mural ein, ein etwas schäbiger Schuppen, wo auf einem WC kein Klopapier war und auch das Gemälde von Jimi Hendrix an der Wand nichts daran ändern konnte.
In der Dusche wurde mit schwarzer Farbe der Hinweis „Bitte nicht länger als fünf Minuten“ an die Wand gemalt. Das soll mal mir wer verraten, wie das gehen soll, wo doch aus der Dusche so viel Wasser herauskommt wie bei einer Regenrinne bei mittelstarkem Nieselregen.
Ich legte mich noch ein wenig hin und las noch „Bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling. Während des Lesens fiel mir ein, dass nicht nur Hape nicht nur sich selbst finden will, sondern ich schließlich auch ein Auto, deswegen war ich ja hier!
Ich machte mich also wieder auf die Socken und stellte auf einmal fest, dass die Ampeln hier genauso lange rot sind, wie irgendwo anders, und dass mich das auch genauso stört, wie irgendwo anders.
Bevor ich aber ein Auto fand, stolperte ich noch in einen Second-Hand-Buchladen und fand eine Ausgabe von irgendeinem alten Taschenbuch (Auflage von 1975) mit vergilbten Seiten von Erich Dänicken, dem verrückten Alienforscher. Ich kaufte mir dieses Exemplar, denn man weiß ja nie, über welche Erkenntnisse man in seinem Leben noch so stolpern wird.
Ich einen Autohändler nach dem nächsten ab und fand schließlich ein gutes Angebot in einem Auktionshaus: Einen dunkelblauen Honda Inspire. Ich schlief eine Nacht drüber und kaufte dieses Exemplar japanischer Autobaukunst heute (und liebe Autohändler, Versicherungsangestellte und sonstiger sämtlicher Beamter: das ging richtig einfach, Kreditkarte hin, Auto zurück, dann schnell drei Häuser weiter zur Versicherung. Keine Behördengänge, kein Anstehen und alle Leute sind freundlich!)
Da ich das Auto vorher noch habe checken lassen und die Bremsbeläge fast runter sind, ist mein neuer Honda derzeit noch in der Werkstatt und lässt sich reparieren, währenddessen ich hier im „Dickens Inn“ sitze und gemütlich eine Cola schlürfe, Wasserball gucke und nebenbei auf die Tasten meines Laptops einhämmere, um der ganzen Welt mitzuteilen, dass ich im „Dickens Inn“ sitze, gemütlich eine Cola schlürfe und Wasserball gucke.
Während ich hier so sitze, überlege ich weiterhin, welches Business man in Neuseeland aufmachen könnte, um hier den ein oder anderen Dollar zu verdienen.
Pay-TV gibt es schon, einigermaßen gutes Bier auch… Schwarzbrot-Bäckereien vielleicht? Wie viele Schwarzbrote müsste ich verkaufen, um Millionär zu werden, überschlagen zu viele für die paar Kiwis hier.
Ich könnte Ampeln erfinden, die nicht rot werden, sondern pink. Dann würden sich die Leute nicht darüber ärgern, dass rot ist, stattdessen eher darüber, was pink für eine fürchterliche Farbe ist. Während man dann so vor sich hin brodelt, wird es auf einmal grün und man ist ganz schnell wieder zufrieden.
Mir will die zündende Idee einfach noch nicht kommen…
Für heute ist noch geplant, dass ich mich in den Honda setze und irgendwo hinter Auckland wieder aussteige und schlafen lege. Mal gucken, wie weit ich damit komme!

Port Waikato 13.03.07 bis 14.03.07

Port was bitte? Port Waikato ist ein absolut kleines Nest im Süden von Auckland an der Westküste. Hierher zu finden war die reinste Qual. Ich habe mehrere Tankstellen befragt und als es keine Tankstellen mehr gab an beleuchtete Fensterscheiben geklopft.
Während ich diese Zeilen schreibe, fühle ich mich wie in einen Horrorfilm versetzt.
Es wurde langsam dämmrig, als ich mit dem Auto an eine Wegkreuzung kam. Kein Schild, kein Auto, kein Haus. Nur ein Baum, der da so vor sich herumstand. Ich wartete zehn Sekunden und überlegte, welche Richtung ich einschlagen sollte. Ich fuhr nach links.
Während es immer dunkler wurde, zogen böse Gewitterwolken am Horizont auf. Als es schließlich dunkel war, goss es auf einmal wie aus Eimern. Der Regen prasselte auf meine Windschutzscheibe und die Scheibenwischer kamen gar nicht mehr hinterher. Ich fuhr zwanzig Minuten auf einer einsamen Straße und es regnete, die engen Kurven wanden sich um die Berge und es ging ständig bergab, auf das Meer zu.
Kaum Häuser, schon gar keine Autos und von Menschen weit und breit nichts zu sehen. Innerlich stellte ich mich schon darauf ein, die Nacht im Auto zu verbringen. Doch dann plötzlich ein Licht ein paar Meter die Straße runter. Ein Haus direkt am Meer (wo kam das Meer denn plötzlich her?) und ein alter Mann saß an seinem Schreibtisch und arbeitete. Ich stieg aus dem Wagen, während im Haus ein Hund anfing zu bellen. Der Mann öffnete die Tür und deutete auf die Richtung nach Port Waikato. Ich war richtig, nur noch zwei Kilometer.
Als ich wieder ins Auto stieg, war ich vom Regen völlig durchnässt. Ich fuhr in den Ort hinein. Meine Scheibe war beschlagen, sodass ich fast nichts sehen konnte. Ich fragte wieder an einem Fenster, wo lang es denn ginge. „Erste rechts, dann gleich wieder links“, brüllte der Mann gegen den starken Wind an. Ich rannte zurück ins Auto, startete den Motor und fuhr die erste links, dann rechts. Ich sah fast gar nichts und ein Backpacker schon gar nicht.
Wieder stieg ich aus und sprang über Pfützen zu einem beleuchteten Wohnzimmer, in dem eine alte Maori-Frau gerade Solitär auf ihrem Laptop spielte. Auf dem Hof kläfften Hunde. Die Frau deutete den Weg an, ich war fast davor. Als ich wieder zum Auto sprang, kam ich sehr nah an einer Hundhütte vorbei, die mir gar nicht aufgefallen war. Ein Hund an einer Kette kam herausgesprungen und biss knapp neben mir in die Luft. Glück gehabt!
Endlich erreichte ich das Backpacker. Im Büro saßen eine Frau und ein kleiner Junge, der gerade eine Zeichnung anfertigte.
Der Junge hatte rote Haare und Sommersprossen im Gesicht und irgendetwas stimmte mit ihm nicht. Er schaute hoch und seine blauen Augen trafen sich kurz mit meinen, ich redete jedoch mit der Frau weiter. „Das Hostel ist ausgebucht“, sagte die Frau, aber du kannst im Surfer-Haus gegenüber schlafen. Ich stimmte zu.
Der Junge erhob sich von seinem Stuhl und pfiff einmal laut. Wieder kam ein Hund angerannt, diesmal aber nicht bellend. Er leinte ihn an und lachte mich an, während er mit einer Stimme, die klang, als würde er eine leere Konservendose vor seinem Mund haben, sagte, dass dies sein Hund Daisy sei. Seine Segelohren standen stark vom Kopf ab und sein ganzer Körper wirkte zu klein, die Proportionen stimmten nicht. Er ging mit der Frau hinüber zum Surferhaus. Ich sah ihre Schatten im dunklen Regen verschwinden.
Als ich mit meinem Auto die Einfahrt zum Haus hochfuhr, warteten sie schon auf mich. Der Junge versuchte den Hund anzuleinen, schaffte es aber nicht, seine blauen Augen funkelten böse.
Seine Mutter erzählte mir, dass dies das Surferhaus sei und ich in diesem ganz alleine wäre. Ganz alleine in einem Haus mit vier oder fünf Zimmern. Ich schlafe in einem Ehebett. Es gibt einen Fernseher und ein Radio. Die Wände sind weiß und wirken dadurch sehr steril. Draußen spielt der Wind mit der kleinen Wäscheleine, die immer im gleichen Takt gegen die Hauswand schlägt.
Als die Frau losgeht, hat es der Junge immer noch nicht geschafft, den Hund anzubinden. Er gibt es auf und trottet hinter seiner Mutter hinterher und schlägt mit der Leine auf den Rücken seines Hundes, welcher dann gleich Sitz macht. Als ich mich noch mal umdrehe, waren die beiden schon weg und ich sitze nun alleine hier. Draußen prasselt der Regen aufs Dach und der Wind pfeift um die Ecken des Hauses, das so hellhörig wie ein Dixi-Klo ist.
Ich gucke auf mein Handy, um nach der Uhr zu schauen und stelle fest, dass es hier draußen keinen Empfang gibt.
Es hat mittlerweile aufgehört zu regnen, der Wind peitscht aber nach wie vor durch die  kleinsten Kanten und erzeugt draußen die merkwürdigsten Laute. Ich habe keinen, dem ich das erzählen kann, so schreibe ich es nieder, in der Hoffnung, es je jemanden erzählen zu können.
Heute Nacht träumte ich von blauen Augen, die mir beim Schlafen zugeschaut haben.
Als ich meine Sachen ins Auto bringen will, bemerke ich, dass die Haustür offen ist, dabei bin ich mir sicher, sie abgeschlossen zu haben…

Waitomo Caves 14.03.07 bis 15.03.07

Wieder regnet es wie aus Eimern, dazu ein unangenehmer Sturm, der Äste von den Bäumen reißt und den Regen durchpeitscht.
Ich machte heute einen Stopp in Otorohanga, um das Kiwi-Haus zu besichtigen. Dort soll es die berühmten Vögel geben. Als ich dann so an den Käfigen vorbei lief, bekam ich schlechte Laune. Ja, die Vögel sind eingesperrt und haben nur wenig Platz, aber es regnete und ich rannte da draußen mit einem T-Shirt rum. Mir war kalt und Kiwis sah ich auch keine, dafür aber jede Menge Arten verschiedenster Enten. Je länger ich mir die Enten dann anguckte, umso größer wurde mein Hunger. Schlechter konnte meine Laune nicht werden. Ich wollte mir keine Vögel mehr angucken, ich wollte sie essen!
Außerdem sah ich nur einen einzigen Kiwi-Vogel hinter einer Glasscheibe (ein besonders kleiner Käfig) im Laub nach Essbarem picken.
Ich checkte dann in meinem heutigen Hostel ein und wollte noch die Waioma Caves besichtigen, die auch Glühwürmchenhöhlen heißen.
Waioma heißt übrigens Loch im Berg, in das Regenwasser eindringt. Es ist schon beeindruckend, wie die Maori mit ihrer Sprache die Dinge auf den Punkt bringen.
Dort angekommen, kaufte ich mir ein Ticket und wollte rein, doch dann erzählte mir ein Mitarbeiter, dass das aufgrund des Regens und Sturmes heute unmöglich sei, da auf dem Weg zu der Höhle schon der ein oder andere Ast abgebrochen ist. Na schön, also morgen noch ein Versuch!

Egmont Village 15.03.07 bis 16.03.07

Dies ist mein bisher höchster Tagebucheintrag. Ich stehe auf einem Parkplatz in etwa 1400 Metern Höhe auf dem Mt. Taranaki. Wie ich hierher gekommen bin, kann ab der nächsten Zeile gelesen werden…
Wie angekündigt startete ich morgens um 9:30 Uhr zu den Waitomo Caves, nicht ohne vorher aber noch Josh gesehen zu haben, dem ehemaligen Mitbewohner aus Marias Haus. Ja, so ist das hier mit den Zufällen. Herr Kapeling, das mit den Zufällen ist nicht auf den Jakobsweg beschränkt! Das musste jetzt mal gesagt werden (wer nicht weiß, was ich gerade meinte, müsste dann mal Nachsitzen und Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“ lesen oder es ganz einfach sein lassen).
Während es am letzten Vormittag noch drei andere Besucher waren, die mit in die Höhle gekommen wären, habe ich an diesem Morgen bei zwanzig aufgehört zu zählen. Hat der Lonely Planet Recht gehabt mit dem Hinweis „meiden Sie die Touren um 9:30 und 16:30 Uhr“. Aber was sollte ich machen? Ich wollte ja schließlich noch nach New Plymouth.
Unser Führer entpuppte sich dann als eine Abstämmige von dem Maori, der mit einem Engländer gemeinsam um 1880 die Höhle erforschte. Na so was, man könnte fast von Zufall reden. Noch zufälliger scheint da zu sein, dass fast jeder Höhlenmitarbeiter von dem Häuptling abstammt.
Die Frau war dann aber auch lustig zu Gange am frühen Morgen. Liebevoll erzählte sie die Witze, die sie wahrscheinlich schon bei der 9:00 Uhr Tour zum Besten gebracht hatte. Ich ließ es über mich ergehen, denn schließlich wollte ich ja noch die Glühwürmchen sehen.
Wie sich herausstellte sind Glühwürmchen keineswegs diese süßen, kleinen Tierchen, die in Disney-Filmen immer durch die Gegen schwirren.
In Wirklichkeit handelt es sich bei ihnen um kleine, spinnenartige Monster, die in dunklen Höhlen wohnen und Fallen spinnen, um ihre Beute zu verspeisen. Nur sieht man im Dunkeln eben nur den grünen Schimmer. Eigentlich müssten sie Glühwürmer heißen, denn mit Würmern assoziieren wir viel mehr den Ekel, der uns bei Regenwürmern und Bandwürmern den Schauer über den Rücken laufen lässt.
Ehe ich so über die Glühwürmer nachdachte, war ich zwei Stunden später plötzlich in New Plymouth und logierte im Hostel von Brian.
Als ich laut „hello“ rief, kam Brian auf einmal um die Ecke und stand vor mir. Einen halben Kopf kleiner als ich, graue Haare und einen Vollbart. Er grinste mich an. Er fragte mich, ob ich eine BBH-Karte hätte, worauf ich mit „yes Brian“ antwortete. Sehen wollte er sie nicht. Dann zeigt er nur flüchtig in die Richtung der Duschen und sagte mir, dass ich mir ein Zimmer aussuchen könnte. Ich bezahlte meine 16 Dollar um gab ihm 21, um nicht soviel Kleingeld dabei zu haben. Brian verschwand daraufhin für fünf Minuten. Ich guckte mich ein bisschen um und entdeckte einen Schrank voll mit National Geographic Magazinen, das älteste von 1939. Dann entdeckte ich noch ein Zettel, auf dem stand „Wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstielzchen heiß. Für Brian, von Christian“. Brian tauchte kurz danach wieder auf und grinste mich verlegen an. „Sorry Dude“, sagte er und gab mir fünf Eindollarmünzen zurück. „So, you are Rumpelstielzchen, then?“, fragte ich ihn. Er grinste wieder breit über beide Backen und zeigte mir seinen Bart, den er zusammen geflochten hinten im Nacken mit seiner Kopfbehaarung verknotet hatte. Er deutete auf seinen Bauchnabel und gab mir zu verstehen, dass er einen sehr, sehr langen Bart habe.

Im Hostel machte ich dann Bekanntschaft mit Ulrich aus Niederbayern und Anna und Seb aus Leipzig.
Ich habe selten so humorlose Menschen gesehen, aber es waren fast die einzigen, die diese Nacht bei Brian schliefen.
Uli ist Schreiner und Seb arbeitete im Baumarkt, also fachsimpelten sie erst einmal über Werkzeug. Ich hörte aufmerksam zu, da hier meine Passion für Akkuschrauber und Markenhämmer neu erweckt wurde.
Nachdem beide nicht mehr wussten, wo du Vor- und Nachteile zwischen Bosch und Black&Decker sind, begann Seb ein Heftchen heraus zu holen und führte Buch über seine Finanzen.
Wie deprimierend das sein muss! Jeder kleinste Cent, der irgendwo flöten gegangen ist, wird nun im Geiste nochmals ausgegeben. Ich schaue gewöhnlich in meine Brieftasche und stelle fest, dass das Geld alle ist, ich also neues brauche, stelle ich es nicht fest, umso besser.
Scheinbar war das in der Tat sehr deprimierend, denn nun kauten die drei (Anna beteiligte sich diesmal) an den Unterschieden zwischen Deutschland und Neuseeland aus. Während sie so sprachen, brachte ich ab und zu mal eine Floskel und überlegte, ob wir Deutschen wirklich so ein schlimmes Volk sind: Total unhöflich, unspontan, unrelaxt und einfach viel zu strikt, durchgeplant undsoweiterundsofort. Ich stellte dabei fest, dass ich dann doch viel neuseeländischer als deutsch bin.
Ich ging ins Bett.
Nach dem Aufstehen fuhr ich nochmals nach New Plymouth, kaufte noch dieses und jenes und fuhr dann auf den Mt. Taranaki.
Hier sagt man „sieht man den Taranki, wird es bald regnen, sieht man ihn nicht, regnet es bereits“.
Ich habe Glück, es nieselt nur leicht. Ich entschließe mich, die Dawson Falls anzugucken und ein bisschen rumzuwandern. Es hat mir sogar Spaß gemacht, da ich die letzten Tage viel zu faul war.
Wenn das jetzt meine liebe Mama liest, denkt sie sich bestimmt, dass wir dann, wenn ich zurück bin, mal in den Harz fahren können. Dies lehne ich an dieser Stelle jedoch strikt ab!
Der Weg durch den Urwald war recht steinig und die Wurzeln waren glitschig, als wären sie mit Öl bekippt worden, es war aber nur Wasser. Um den Pfad herum war alles voll mit Moos und was nicht voll mit Moos war, wird sicherlich bald voll mit Moos sein. Ich wanderte dann so vor mich hin, machte ein paar Bilder und stieg wieder ins Auto, um den bisher höchsten Reisebericht zu schreiben.

Wanganui 16.03.07 bis 17.03.07

Weiter ging es dann nach Wanganui. Dort angekommen entdeckte ich zwei Schweizer, die ebenfalls in meinem Zimmer nächtigten, oder ich in ihrem oder wir in einem. Der eine hieß Simon, der andere Man oder Män oder Men oder wie auch immer. Ein, wie er sagte, romanischer Name. Man hörte Schweizer Hip und hatte lange lockige Haare, die wie eine lockige Perücke auf seinem Haupt saß. Simon und Man erzählten viel und ich verstand wenig. Der Schweizer Dialekt ist wirklich nicht sonderlich einfach. Xi heißt zum Beispiel gewesen. Simon und Man hatten einen Sprachkurs in Christchurch besucht und dort offensichtlich ein paar Slangwörter gelernt, die sie dauernd zum Besten gaben. Wenn einer sagte „Sweetass“ (was hier so viel wie okay heißt), antwortete der andere „yeah, sweetass, man!“. War lustig, da sie eigentlich die Hälfte ihrer Worte einsparen hätten können, wenn sie sich nicht gegenseitig wiederholt hätten.
Das war dann auch der Abend (wir holten Weißwein und Bier), an dem ich zum ersten Mal in meinem Leben Geburtstag mit Schweizern feierte.
An selbigem machte ich mich dann ohne große Umschweife auf den Weg nach Wellington…

Wellington 17.03.07 bis 20.03.07

Wäre ich ein Magnet, könnte ich diesen Reisebericht heute nicht weiter schreiben. Wir Menschen behaupten im Normalfall, Magnete können nicht schreiben, schon gar keine Reiseberichte, und jeder, der das Gegenteil behauptet, wird gerne verständnislos angeschaut. Aber darum geht es jetzt gar nicht, denn wäre ich ein reiseberichteschreibender Magnet, würde ich jetzt gerade an einer Wand kleben.
In Wellington traf ich dann wieder auf Alice, Jaqueline, Katha, Laila und Sven. Wir fahren mit der Fähre nach Picton, auf die Südinsel. Um mich herum ist dermaßen viel Stahl, dass wirklich jeder Magnet schlechte Karten hätte, aber da Magneten auch keine Karten spielen können…

Am 17.03. war also ein besonderer Tag. Auf der ganzen Welt feierte man St. Patricks Day und speziell in Wellington zwei Geburtstage. Den von Alice und meinen ebenfalls. Bevor wir jedoch feierten erkundeten Jaque, Katha, Laila und ich erstmal die an diesem Tag verregnete Innenstadt Wellingtons (Sven und Alice steckten noch im Bus).
Man möge es sich vorstellen, dass ich, als einziges maskulines Wesen mit drei Frauen durch die Fußgängerzone Wellingtons stiefelte.
Es war eigentlich sogar ganz lustig. Wir vier gingen in einen kleinen Laden, in dem es viele verschiedene Dinge gibt, sodass es für den Laden selbst eigentlich gar keine Bezeichnung gibt. Es war in der Tat sogar der erste Laden, den ich sah, in dem man einen Pizzaschneider und eine Brille mit 2,5 Dioptrien kaufen konnte. Eine unglaublich neue Erfahrung für mich, zumal es noch andere Dinge, wie zum Beispiel Taschentücher oder Puschel gab. Es liegt jetzt nahe, zu vermuten, es handele sich hierbei um einen Supermarkt. Doch etwas Essbares gab es definitiv nicht!
Wir schlenderten weiter, ich stöpselte meine Musik ins Ohr und ließ die drei durch die Geschäfte wildern. Scheinbar tat ich ihnen Leid, denn es ging meist erstaunlich schnell und sie kauften sich nichts.
Am Abend war es dann soweit. Ich bekam ein Brotmesser. Ein echtes Brotmesser, mit dem bisher Kuchen und Gurken geschnitten wurden, aber noch kein Brot. Alice bekam Ohrringe.
Die vier anderen gaben sich viel Mühe, bliesen Luftballons auf und dekorierten einen kleinen Tisch mit Tröten und Partyhauben.
Nach der Bescherung gingen wir dann abends weg, tranken unter anderen Guiness und kamen dann irgendwann wieder…
Da es jetzt hier droht, eine bloße Aneinanderreihung von Geschehnissen zu werden, sei es mir erlaubt zu sagen, dass Neuseeland ein sehr schönes Land mit vielen netten Leuten ist.
Weiter geht’s als mit den Aneinanderreihungen. Am nächsten Tag liefen wir weiter durch Wellintons Innenstadt und kamen dann mal so am Hafen vorbei, am Ball, der in der Luft zu hängen schien, dann noch hier und dort, schließlich fuhren wir mit dem Cablecar einen Berg hoch und befanden uns schon im Botanischen Garten. Danach noch schnell das Beehive und Parlamentsgebäude fotografiert (beides Regierungsgebäude) und schon waren wir wieder im Hostel.
So schnell geht also ein Tag in Neuseeland vorbei. Nun, da schon der 18. März 2007 ist, ich bereits sechs Wochen hier verweile, muss ich feststellen, dass die Zeit stillzustehen scheint, währenddessen die Tage in einem enormen Tempo weiter ihren Weg durch den Kalender bahnen.
Ich möchte nun nicht alle Einzelheiten des Tagesablaufes beschreiben (ich kann mich ehrlich gesagt kaum noch daran erinnern, heute ist in Wirklichkeit schon der 21. März, ich war faul und hab kaum geschrieben…), aber einen Tag später verweilten Sven und ich Te Papa Museum (geschlagene fünf Stunden, unbedingt hingehen, wenn man in Wellington ist)

Nun zurück zu den Magneten. Diese Worte schreibend verweilten wir gerade auf der Fähre von Wellington nach Picton (Südinsel) und Sven hat mich gefragt, ob wir einen Tee trinken wollen, ich sagte ja, machte mein Notebook aus und weil die Sonne so schön schien, kommt die Auflösung jetzt erst. Ich bitte um Entschuldigung für Verwirrungen im Hirn des Lesers. Aber Magneten sind wirklich sehr nützlich… Und nun schon wieder, er guckt mir über die Schulter. Ich sage ihm, dass ich so nicht arbeiten kann, dass wäre ja schließlich genauso, als würde mir jemand beim Pinkeln zugucken!
Übrigens fällt mir doch gerade ein, dass Katha und ich in Wellington einen Strafzettel wegen Falschparken bekommen haben. Da stellt man sich das mal vor. Wir parken auf einem Parkplatz, von einer Ladezone weit und breit nichts zu sehen. Alles ordnungsgemäß – scheinbar!
Denn am Montagmorgen um 9:37 Uhr haben diverse Politessen in Wellington nichts anderes zu tun, als uns einen 40 Dollar teuren Zettel hinter den Scheibenwischer zu stecken. Ich hasse teure Zettel und Politessen hasse ich nun auch. Direkt hinter dem Zettel war unser eingelöster Parkschein. Als ich telefonierte und fragte, was wir falsch machten, stellte sich heraus, dass wir sage und schreibe etwa 20 Meter weiter hätten parken müssen. Da fährt man 600 Kilometer von Whangarei nach Wellington um dann hätte z-w-a-n-z-i-g Meter weiter fahren müssen.

Nelson 20.03.07-25.03.07

Ach, was bin ich doch faul in letzter Zeit. Heute ist nun schon April und ich schreibe immer noch an meiner Märzausgabe. Nun ja, ich werde die Ereignisse der letzten zwei Wochen sehr gerafft zusammenfassen.
In Nelson bewohnten wir das Paradiso, das im Sinne eines Hostels seinem Namen alle Ehre machte, denn im Preis inbegriffen waren neben den gewohnten Exklusivitäten wie warmen Wasser diesmal sogar ein Whir- und Swimmingpool, ein Beachvolleyballfeld und, man möge es kaum glauben, sogar Leselampen an den Betten. Welch revolutionäre Errungenschaft an einem Hostelbett Leselampen zu befestigen und nicht allzu großen Wert auf die Zentralbeleuchtung zu geben. Wunderbar!
Außerdem gab es jeden Tag noch ein kostenloses Frühstück (Cornflakes, Marmelade usw.) und abends eine Suppe.
Als Sven und ich eines Tages in Nelson durch die Straßen wanderten, plauderte Sven auf einmal mit einem Kanadier, den wir bereits an unserem dritten Tag in Auckland getroffen hatten. Er sagte, dass er neben seinem Job in einem kleinen Saftladen (ein Laden, der Saft verkauft!) auch als Pfleger in einem Krankenhaus arbeitet. Keine fünf Minuten später schreie ich „Hello Andrea, how are you doing?“ Andrea trafen wir bereits in Paihia. Genau wie Robert aus Irland, der auch bei FourSquare arbeitete (und dort entlassen wurde, weil er manchmal keine Lust zum Arbeiten hatte) und der in unserem Hostel schlief.

Da wir nun schon mal in Nelson waren und der Abel Tasman Nationalpark nur ein Stündchen von unserem „Paradies“ entfernt ist, buchten wir nun also auch prompt einen Kajak-Trip für drei Tage (bzw. wie die Mädels nur für zwei Tage).
Oh, man verzeihe mir an dieser Stelle eine Abschweifung, aber wer kann schon von sich behaupten, einen Reisebericht in Neuseeland zu schreiben, während ein Insekt auf dem Laptop-Bildschirm landet. Viele! Aber ich möchte behaupten, dass die wenigstens zuvor ein komplett weißes Insekt auf ihrem Bildschirm hatten. Einfach unglaublich – komplett weiß mit sechs Beinen und Fühlern und überhaupt wie ein normales weißes Insekt; es hinterlässt sogar eine ganz normale Spur, wenn man es zerdrückt…
Zurück zum Nationalpark. Wir paddelten also. Zusammengefasst hat es sich sehr gelohnt! Das Meer war bis auf einige Ausnahmen sehr gütig zu uns (wie auch die Sonne, denn sie schien ununterbrochen, nur nachts nicht…). Eine Ausnahme bestand in der sogenannten „Mad Mile“, wo das Land besonders tief ins Meer hineinreicht und der von der See kommende Wind etwas größere Wellen an Land schickt. Ich wurde nass, meine Augen tränten vom Salz und Wind und ich wollte nicht mehr weiterpaddeln.
Nach einer kurzen Diskussion mit Sven kamen wir zu dem Entschluss, welch enorme Vorteile es mit sich bringe, würden wir noch bis zum Zeltplatz paddeln. Litze und Jaque, die gemeinsam ein Kajak benutzten waren bereits seit zwei Stunden am Zeltplatz und hatten ihr Zelt aufgebaut. Kurz hinter der Mad Mile trafen Sven und ich das Kajak mit Katha und Laila drin. Die beiden waren trocken. Wir wunderten uns, wie sie das geschafft hatten, währenddessen die beiden sich wunderten, dass wir so nass sind.
Wir bauten dann also auch unser Zelt auf und schliefen pünktlich um 21:00 Uhr ein.
Am nächsten Tag trennten sich unsere Wege, Sven und ich paddelten gemütlich weiter Richtung Norden und hatten nur eine kurze Etappe vor uns (von etwa 4 Kilometern, deutlich weniger als am Vortag mit seinen etwa 9 Kilometern).
Was die anderen vier taten konnten wir nur ahnen. Wir stellten es uns in etwa so vor, dass sie unter enormen Zeitdruck wie wild die Paddel ins Wasser stachen, um ihr gelbes Wasserdingsbums so schnell wie möglich zum verabredeten Punkt zu bringen, natürlich am Ende völlig platt und keuchend.
Sven und ich paddelten also ganz gemütlich die Küste entlang, machten hier und dort eine Pause und guckten aufs Meer hinaus (Sven angelte und guckte aufs Meer hinaus, ich angelte nicht, guckte aber trotzdem aufs Meer hinaus).
Wir sahen während des gesamten Trips auch einige Tierchen. Sämtliche Insekten und Vögel, deren Art ich nicht im Stande bin zu bestimmen, lasse ich mal außen vor und beschränke mich auf die Highlights.
Während wir also so vor uns hin paddelten, glitten auf einmal zwei riesige Stachelrochen nur wenige Zentimeter unter unserem Boot hindurch. Von einem Zeltplatz aus sahen wir an einem Morgen auch einige Delfine, wie sie aus dem glatten Meer heraussprangen und die einzigen großen Wellen erzeugten. Die Sonne stand noch ganz tief über dem Horizont, sodass man eigentlich nur fast die Silhouetten erkennen konnte. An einem Abend lief mir auch ein lebendiges Oppossum über den Weg. Als letztes Highlight waren dann natürlich noch Hunderte von Seerobben, die faul auf ihren Felsen lagen und dazu noch viele kleine Baby-Seerobben, die wiederum aufgeregt in kleinen Buchten hin und her schwammen und teilweise durch ihre Neugier angetrieben das Boot beschnupperten uns sich teilweise auch für einen Augenblick berühren ließen.
Zuletzt sahen wir dann noch in einiger Entfernung zum Ufer einen Igel seine Bahn im Ozean drehen. Er hatte eine sehr bequeme Position eingenommen, er lag auf dem Rücken, die Beinchen in die Luft gespreizt und ließ sich von der Strömung treiben.

Am Tag unserer Rückkehr kehrten wir zurück nach Nelson. Dort verbrachten wir eine weitere Nacht.
Sven und ich aßen erst einmal deftig bei McDonald’s, übrigens nach drei Tagen Kajakfahren mit spärlicher Planung eine äußerst gute Idee!
Als wir im Hostel ankamen saßen wir dann wieder alle gemeinsam an einem Tisch (auch wenn wir in dieser Nacht nicht alle in einem Zimmer schliefen). Dbie Mädels erzählten uns dann, sie hätten einen neuen Job gefunden, der allerdings in Blenheim wäre. Sie müssten dort Weintrauben ernten.
Daraufhin entschlossen sich Laila und ich das Meer zu suchen. Dies sollte sich in einer Küstenstadt wie Nelson eigentlich als nicht zu schwierig gestalten, aber es war dunkel, ein paar Wolken bedeckten den hellen Mond und wir wussten nur ungefähr, wohin wir zu gehen hatten.
Was wir fanden war eine große Wiese, wir fanden einen Pfad, eine Straße und ein Fahrradweg. Wir fanden außerdem noch eine Bahnschiene und ein Gebüsch. Das Meer fanden wir nicht. Doch wir fanden uns!

Collingwood 26.03.2007 – 28.03.2007

Auf den Weg nach Collingwood machten sich nur noch Sven und ich. Jaque war schon auf dem Heimweg (jaja, wieder ein Abschied, aber wir sagten uns, wir müssten uns unbedingt mal in Hamburg treffen) und die anderen bekanntlich in Blenheim.
Collingwood hat gewisse Vorteile, zum Beispiel die schöne Landschaft, in die es gebettet ist oder den leckeren Schokoladenkuchen aus dem einzigen Café des Ortes (Collingwood liegt in der Golden Bay und hat ziemlich klein, um die 500 Einwohner, hat aber immerhin ein Museum!) oder die Tropfsteinhöhlen, durch die man außerhalb der Saison sogar alleine geführt werden kann. Gleich um die Ecke ist dann noch Cape Farewell, der nördlichste Punkt der Südinsel und Whaikata Beach. Dieser Strand ist einfach traumhaft. Gespannt muss man etwa zwanzig Minuten dorthin laufen, voller Erwartungen auf den ersten Blick auf die weißen Dünen.
Dann, nach einem Hügel sieht man sie, wie sie zwischen den großen Felsen an beiden Enden liegen, ganz so, als würde ein weißes Leinentuch über die Erde gespannt sein. Durch den ständigen Wind ist der Boden ganz geriffelt und wirkt wie ein weißes Meer direkt vor dem blauen Ozean dahinter. Der Sand ist weich wie Watte und dennoch trittfest zugleich. Die Felsformationen zeigen die Jahrtausende der Erosion mit ihren skurrilen Verformungen an den Vorsprüngen.
Je näher man sich dann dem Meer nährt, umso härter wird der Sand und auch nasser. Denn die Flut spült sich weit in die Dünen hinein und hinterlässt meterweit eine absolut glatte Oberfläche. Dort funkeln die letzten Wassertropfen im Glanz der Sonne. Und selbst bei leichtem Wellengang dringen sie doch noch weit in den Strand hinein, so flach verschmelzen Land und Meer, bis sich die Dünen anschließen.
Auf einigen Felsen, die dem weißen Sandstrand vorgelagert sind, wohnen wieder ein paar Seerobben, die sich faul in der Sonne aalen. Sie haben ihr Paradies gefunden.
Immer wieder zurückblickend verlassen wir nach einiger Zeit den Strand wieder, bis er hinter dem Hügel ganz und gar verschwindet.
Trotz dieser Vorteile gibt es aber auch einen entscheidenden Nachteil, Collingwood ist dermaßen klein, dass es keine Apotheke gibt. Das scheint nun nicht weiter dramatisch zu sein, doch wenn man wie ich von Bedbugs (kleinen fiesen Insekten, die in Betten, Kleidung usw. leben) zugestochen wurde, dass ein nicht unerheblicher Teil meines Körpers nicht nur rot, sondern auch gewaltig angeschwollen war, bedauert man es sehr, sicht nicht umgehend mit Antijuckreizpillen zustopfen zu können…

Blenheim 28.03.2007 – 04.04.2007

Von Collingwood machten Sven und ich uns dann kratzender Weise auf den Weg nach Blenheim, wo die Mädels schon wie wild am Wein ernten waren.
Svavek aus Polen nahmen wir freundlicherweise auch noch gleich noch 200 Kilometer mit in unsere Richtung. Wir unterhielten uns ein bisschen über mehr oder weniger belanglose Dinge und fachsimpelten über das Wesen der gemeinen Bedbugs.
Während ich endlich in den Genuss von Antujuckreizpillen kam, fuhr das Auto gemütlich weiter durch die neuseeländische Landschaft Blenheim entgegen.

Das dumme an Blenheim war, wie wir schnell erkannten, dass es dort nicht viel mehr als Wein gab. Natürlich schöne Reben, große und kleine. Geerntete und solche, die es noch vor sich hatten. Es gab rote Trauben und weiße und grüne (dich nicht reif waren). Die Vielfalt dieser zahlreichen Weintrauben muss großartig für jene gewesen sein, die damit ihr Geld verdienen.
Sven und ich wollten allerdings kein Geld verdienen, sondern vielmehr die letzte gemeinsame Woche mit den Mädels genießen, die Landschaft bewundern und ein paar Freizeitaktivitäten nachgehen.
Dementsprechend euphorisch war Sven dann auch, als wir uns Blenheim näherten. „Oh, schau mal, Wein“, sagte Sven. „Oh, und dort, sieh nur, noch mehr Wein“, stellte er fest.
Man muss ihm tatsächlich Recht geben, vielmehr als Wein gibt es dort einfach nicht.

Laila hatte jedenfalls zwei Betten in Swampys Backpackers für uns reserviert und wir fuhren erst einmal dort hin. Swampys Rabatt lockte uns, und so entschieden wir uns, dort eine Woche zu verbringen. Jedoch waren wir keine zwei Minuten im Hostel als plötzlich eine ältere Dame ins Hostel geschneit kam und fragte, wer an seinem Auto das Licht angelassen habe. Wir waren es, gingen mit der Alten raus und sie fragte uns ganz nebenbei, ob wir nicht Lust hätten, für 150 Dollar ein bisschen Gras zu kaufen. Wir lehnten ihr Angebot dankend ab.
Kurz danach bezahlten wir für unser Zimmer und wieder kam jemand ins Hostel gestürmt. Sven und ich waren zu diesem Zeitpunkt fast die einzigen dort, da dieses Backpackers eher als Arbeitsunterkunft für sämtliche Weinarbeiter diente und sich das Hostel erst ab etwa vier Uhr schlagartig füllte.
Der Mann schaute Swampy an „We need winepickers for just two days“. Swampy schaute uns an. Ich schaute Sven an und er mich. Gemeinsam schauten wir dann alle drei den Mann an und Sven und ich entschlossen uns für zwei Tage Weinarbeit, mit der wir unsere komplette Woche Hostelaufenthalt refinanzieren konnten.
Wie sich später herausstellte, sollten wir nur für einen Tag arbeiten, was uns natürlich noch mehr zusagte. Unser erster und letzter Arbeitstag war dann der 31.03.2007.
In der Zwischenzeit hatten wir ein recht entspanntes Leben, freuten uns immer, wenn die drei Mädels völlig vom Dreck eingesaut und übermüdet nach Hause kamen.
Sven lebte sich dann auch einigermaßen gut im Hostel ein, da die Gegend gut zum Angeln geeignet war und mit Swampy und Grant (dem Manager) zwei echte Experten vor Ort waren.
Mit Grant verscherzte ich es mir allerdings schon am zweiten Tag. Ich stand spät auf und machte mein Frühstück während der Zeit, in der er die Küche putzte. Danach reinigte ich meine Zähne, während er das Badezimmer säuberte. Er schaute mich die ganze Zeit finster an. Ich entschuldigte mich aufrichtig und putzte draußen weiter. Kurz danach ging ich ins Internet und stellte fest, dass die Maus nicht ging. Die Zeit lief runter und ich brauchte Hilfe. Ich wandte mich an Grant. Das war dann der Punkt, an dem ich völlig unten durch war.
Im Nachhinein war es natürlich ein Fehler Grant nach seiner getanen Putzarbeit (auf die er wohl genauso wenig Lust hatte, wie die Queen auf ein Treffen mit dem französischen Ministerpräsidenten) bei seinem heiligen Breaskfast-Tea zu stören.
Die Stimmung war seitdem ein wenig angespannt, verschlechterte sich aber wenigstens nicht.
Sven und ich waren, so kann man sagen, sowieso die einzigen beiden im Hostel, die eigentlich keiner geregelten Arbeit nachgingen. Abends, nach der Ernte, debattierten die Bewohner dann über ihre unterschiedlich anstrengenden Arbeitstage.
Die erste Frage war meistens, ob man nach Stunde oder Kontrakt bezahlt wurde (Kontrakt bedeutet, dass man pro Korb eine Pauschale bekam und diese dann mit der Anzahl der abgegebenen Körbe multipliziert den Lohn ergab).
Die Kontraktarbeiter waren immer stolz auf sich, wenn sie mehr Körbe als die anderen gefüllt hatten, das war großartig für sie. Je mehr desto besser, um noch sogar noch besser, wenn die anderen weniger hatten.
Einen Tag arbeiteten auch die Mädels nach Kontrakt, was sie aber bereuten. Sie erzählten, dass, sobald der Startschuss fiel, die Erntehelfer wie die Hundertmetersprinter auf die Körbe stürzen und dann einen gewaltigen Sprint zur nächsten Rebe hinlegten und die Weintrauben im Rekordtempo in den Korb schmissen, um so schnell wie möglich den nächsten Korb voll zu kriegen.
Laila freundete sich dort mit einer kleinen Malaysierin an, denn Laila mopste einfach ihre Trauben. Da das schon gar nicht ging, wie kann man nur Trauben von einer Rebe pflücken, zumal von ihrer Rebe, hatten sich die beiden in den nächsten Tagen nicht mehr viel zu sagen.
Das Verhältnis wurde auch dadurch gespannter, da Laila und ich mit ihrer Kultur kollidierten. In Malaysia ist es zum Beispiel verboten, in der Öffentlichkeit die Hand der Freundin/des Freundes zu halten.
Lustigerweise schliefen die beiden auch noch im selben Raum und dazu auch noch in den Betten nebeneinander.
Die kleine Asiatin hat sich aber ihr eigenes Reich geschaffen (in diesem Raum gab es Doppelstockbetten und sie hatte ihren Schlafsack unter die obere Matratze gesteckt, sodass er wie ein Vorhang ihr Bett und ihren Schlaf beschützte).
Dann unterhielt man sich abends auch noch über Haschisch, einen Inder, der einige Weinplantagen besitzt. Man unterhielt sich über verschiedene Trauben und wenn man dann nicht mehr wusste, was man noch sagen sollte, unterhielt man sich nochmals ausführlich darüber, wie viele Körbe man denn an diesem Tag geschafft hatte.

Sechsuhrzwölf klingelte mein Wecker und ich machte schnell Sven wach, da wir heute unseren Arbeitseinsatz hatten und 6:30 Uhr abgeholt worden.
Wir stiegen ins Auto, in dem schon zwei ältere Männer saßen und in ein Gespräch vertieft waren. „Ah, fuck, yes, I fucking hate getting up that early, fuck!”, sagte der Fahrer. Der Beifahrer pflichtete ihm bei. Sven und ich waren zwar noch sehr müde, aber beide sehr entzückt von der Lache und der Ausdrucksweise des Fahrers. So konnte der Morgen beginnen. Es gab nicht einen Satz, in dem nicht das Wort „Fuck“ oder eines seiner Derivate vorkam. Gepaart mit der lustigen Lache ein lustiges Unterfangen.
Wir holten dann noch Pavel ab, ein Backpacker aus der Schweiz und Maurice, einen 25jährigen Maori aus Blenheim.
Gemeinsam fuhren wir etwa eine halbe Stunde zur Weinplantage. Ich döste noch ein bisschen und träumte von Fuck.
Als wir ankamen, stieg der Fahrer sehr behäbig aus seinem Wagen, nicht ohne sich zu beschweren, wie anstrengend das ist („Fuck…“). Der Fahrer erntet schon seit Jahren Wein und seine Bewegungen machen einen trägen Eindruck, als ob sie nur zur Weinlese optimiert seien, nicht aber, um normal aus einem Auto zu steigen.
Wir fingen an zu ernten, nach fünf Minuten hatte ich keine Lust mehr und noch neun Stunden Arbeit vor mir.
Die erste Pause war gegen zehn Uhr. Wir saßen uns wieder ins Auto, aßen etwas, hörten dem Fahrer zu („Those bloody grapes, ah, fuck!“) und schauten Maurice zu, wie er sich in Ruhe einen Joint baute. Als es kurz danach mit der Lese weiterging, beschwerte sich Maurice laut „oh man, these brakes aren’t made for a good joint, man!“.
Wir ernteten Sauvignon Blanc und die Trauben ließen wir in weiße Plastikeimer plumpsen, auf die man sich zum Glück setzen konnte, um seinen Rücken zu schonen. (Wir dachten an die Mädels, wie sich auf Knien kriechend die Trauben abschnippelten und in zum Sitzen unbequeme Körbe schmissen).
Da die Eimer so bequem auch nicht waren und man mitunter auch im Stehen ernten musste, tat nach einiger Zeit der Rücken weh und ich freute mich, dass ich nur einen Tag arbeiten musste.
Die Ernte selbst war sehr relaxt, man konnte sich Zeit lassen und einige Pausen nehmen, die nicht vom Lohn abgezogen wurden.

Als wir den ersten Abend im Backpackers waren, stellte ich fest, dass zwar alle Leute auf Weinplantagen arbeiteten, aber dennoch alle Bier en masse tranken. Ich fragte mich im Stillen, warum sie denn keinen Wein trinken würden.
Nach dem Tag kannte ich die Antwort.

Wir ernteten den Wein nach Reihen. Jede Reihe hatte eine eigene Nummer. Als dann jemand schrie „oh, row 349, I love you!!“, wussten wir, dass der Feierabend kurz bevor stand (wir starteten natürlich nicht bei Reihe eins…)
Feierabend heißt, alles fallen lassen und erstmal zu einer Scheune zu fahren und Bier trinken und Chips essen. Wie eine große Familie saßen sie dort alle und tranken ihr Bier und aßen die Chips – Maurice drehte sich wieder einen und der Fahrer fluchte die ganze Zeit („oh damn, I’m fucking glad this bloody work has just finished now, ah fuck!“).
Nach einer halben Stunde Bierkonsum fuhren wir wieder eine weitere halbe Stunde nach Hause (übrigens bekamen wir die Fahrzeit bezahlt).
Als wir dort ankamen, waren wir zu unserer Verwunderung nicht annähernd so dreckig, wie es die Mädels üblicherweise waren, wir als Weintraubenschneideranfänger.

Das war also der März des Jahres 2007. Ein weiterer Monat fernab der Heimat in Neuseeland. Ein weiterer Monat mit vielen Erfahrungen, Eindrücken und Erlebnissen…

KategorienReiseberichte

Neuseeland (der Februar)

Der Februar

Punkt 17 Uhr ging der Zug von Magdeburg nach Frankfurt über Hannover. Eine schöne Zeit, die sich besser merken lässt als z.B. 17:23.
Jedenfalls fuhr ich nun also mit dem Zug durch die Gegend und erreichte den Flughafen in Frankfurt etwa 21:15 (die Zeit kann ich mir nicht mehr merken, es war jedenfalls keine runde). Ich checkte ein und ging durch die nunmehr zwei Sicherheitskontrollen, um schließlich nach etwa 24 Stunden in Auckland zu landen.
Dort angekommen wurde aus dem ich ein wir. Während des Fluges machte ich noch Bekanntschaften mit Daniel aus Erfurt, Christian aus Mainz und Siegfried aus dem Allgäu. Dazu kam dann noch Sven aus der Nähe von Chemnitz, mit dem ich noch weitere Tage verbringen sollte.
In Auckland erkundeten wir also zuerst die Queenstreet und wunderten uns, warum nirgends Maori zu sehen sind, aber dafür umso mehr Asiaten. Wie sich herausstellte sind die meisten Maoris auf dem Bau beschäftigt und haben keine Lust, auf der Queenstreet zu flanieren, zumal es auch gar nicht ihre Queen ist. Die der Asiaten zwar auch nicht, aber sie sind clever genug und verdienen dort ihr Geld in Läden, Restaurants und Banken. Und auch noch woanders.
Untergebracht wurden wir im ACB (Auckland Central Backpackers), wundervoll zentral gelegen aber voller Leute, alles andere als gemütlich und auch nicht besonders sauber. Aber eben zentral!
Diese Zentralität machten wir uns am nächsten Tag zu Nutze und fuhren zur Missionbay. Von dort liefen wir ins Zentrum zurück und guckten uns noch Fische an. Diese schwammen in einem Aquarium, für dessen Eintritt wir 20 „Bugs“ bezahlten.
Unser Zimmer im ACB teilten wir uns mit George, einem 19jährigen Engländer, der sehr gut Deutsch Sprach, lange Haare hatte (dafür aber kein Geld, wie er sagte) und unordentlich war. Ich hatte nichts gegen George, andere schon eher, ich weiß aber nicht genau, warum. Daniel war acht Jahre beim Bund und hatte sehr wohl etwas an Georges Unordnung auszusetzen, was aber nur natürlich erscheint, bedenkt man doch, dass Daniel in einer Jugendherberge morgens sein Bett ordentlich neu bezog.
Jedenfalls dachte ich fortan, alle Leute mit längeren Haaren und Mütze seien George. Drei Tage später in Paihia war es tatsächlich George.

Paihia … bis 11.03.2007

In Paihia, wohin dann nur noch Sven und ich gefahren sind (mit dem „Coach“, oder wie die Neuseeländer sagen, „Kaatsch“) blieben wir eine Nacht in einem Hostel, um dann für weitere ein anderes zu beziehen.
Vielleicht ein kleiner Fehler, denn im ersten Hostel, wenngleich teurer, teilten wir uns ein 8-Bettzimmer mit einem Schweden (Tommy) und 5 wunderschönen Skandinavierinnen (eine davon hieß Anna).
Im andern Hostel trafen wir Will, einem Mac-Süchtigen Iren und Suse aus Heidelberg.
Wir verbrachten einen Tag mit Angeln auf Jagd nach Red Snappern. Auf dem Weg dahin kamen wir an einem Laden vorbei, in dem Produkte von „London Underground“ verkauft worden, also Weed.
Ich fing den 2.größten Snapper des Tages und immerhin den ersten richtig großen. Ein Däne schenkte uns nach der Tour seinen Fisch. Mit zwei Beuteln Snapper-Filet im Gepäck machten wir uns zurück zum Hostel und kreierten ein neues Rezept: „scrumbled snapper with mashed patatoes“. Lecker, aber da das Auge auch mitisst, unweigerlich komisch!
Den nächsten Tag fuhren wir nach Russell, einer kleinen Stadt, die fünf Minuten Fährfahrt von Paihia entfernt liegt. Ein netter Kontrast zur Partystadt Pahia. Sogar ein Museum gibt’s in Russell von der Größe eines überdurchschnittlich großen Wohnzimmers. Die drei Bugs Eintritt ersparten wir uns und gingen einfach am „Historic Restaurant“ vorbei. Sehr schön gelegen aber fernab von den Ewigkeiten vergangener Tage… Warum nennen die Kiwis nun ein offensichtlich ca. 20 Jahre altes Restaurant historisch?
Historisch hin oder her, die Gegenwart ist von weitaus größerer Relevanz. Von daher entschloss ich mich kurzerhand nicht wie geplant nach Auckland zurückzufahren, sondern weiterhin in Paihia zu bleiben und mir einen Job zu suchen, den ich auch gleich bei Bob, dem Supermarktbesitzer fand. Ich kam also in den Supermarkt, fragte Bob, ob er eine freie Stelle hätte und fing prompt am nächsten Tag um ein Uhr an.
Zugegeben, dieser Job ist ziemlich langweilig, aber es gibt immerhin elf Dollar pro Stunde, was mich meiner Idee nach einem Auto wesentlich näher bringt.
Im Supermarkt war Alex mein Einweiser, er wies mich ein. Alex ist ein vierzehnjähriger Maori Junge mit einem unheimlich langen Fingernagel am kleinen Finger der rechten Hand. Das ist auch der Unterschied zu Bob (der eigentlich von Fidschi kommt), denn Bob hat gar keine Fingernägel an seiner rechten Hand und um genau zu sein nicht mal Finger.
Feierabend hatte ich immer um neun Uhr, wonach ich dann zum Hostel bin und mir ein paar Toastbrote zum Abendessen gönnte.
Dort trafen wir dann auch auf Maria, einer scheinbar ständig betrunkenen Israelin und auf Stefan, ein wesentlich nüchterner Bayer bzw. Schwabe oder eigentlich auch beides gleichzeitig. Als dritte im Bunde war da noch Tara aus England, die wie 25 aussah, aber in Wirklichkeit schon 30 war. Einen Tag später stieß auch noch Misuki aus Japan hinzu. Misuki ist ein weiblicher Vorname.
Als diese drei Menschen zwei Tage später abreisten, unterhielten wir uns mit Katharina, Jaqueline und Laila, wobei letztere aus Österreich war. Laila war zum Urlaub in Neuseeland und hatte dennoch eine 75-Stunden-Woche. Die drei waren ständig am gackern.
Als negativer Höhepunkt (eigentlich das einzig negative) sind da noch meine beiden neuen Zimmergenossen zu nennen. Ein Männlein und ein Fräulein. Beide aus England und beide sehen so aus. Besonders das Fräulein ist eine typische englische Schönheit, wie man sie aus den Lehrbüchern der fünften Klasse kennt. Blass, einen dicken Po (natürlich trotzdem eine überkurze Hose, sodass man die Zellulide (DUDDDDEEENNN) besser sieht) und ein nicht besonders hübsches Gesicht. Das alles ist nicht weiter verwerflich, hätte sie nicht diese hässlichen pinken Sachen an und würde sie sich das Bett (obwohl zwei freie vorhanden sind) nicht mit dem Typen teilen. Wer sich dann ein Bett teilt, kann sich natürlich auch die Dusche teilen. Unser Bad misst etwa 3-5m² und auf diesen engen Raum quetschen sich die beiden nun unter die noch engere Dusche. Sie putzen gemeinsam ihre Zähne (soweit man das durch die hellhörige Tür hören konnte) und gingen womöglich sogar gemeinsam scheißen – auf einer Klobrille.
Ich hoffe sehr, dass sie bald abreisen mögen…
Doch Sven und ich entschieden uns anders und wechselten das Zimmer. Nicht wegen der beiden Engländer, sondern wegen Katharina, Jaqueline, Laila und Stefan. Wir zogen eine Etage und Preisklasse tiefer.
Am 18. Februar importierten wir ein wenig deutsche Kultur nach Neuseeland. Wir verkleideten uns ein bisschen und feierten Karneval. Als die Leute im Hostel fragten, warum man denn Karneval feiert, wurde mir die Sinnlosigkeit der ganzen Angelegenheit erneut ins Gedächtnis geführt. Da ich aber nicht als Außenseiter dastehen wollte, habe ich mich prompt in das beste und natürlich auch sinnloseste Kostüm geworfen.
Ich bekam Wein spendiert, den ich widerwillig in meinen Hals reinkippte und schaute dennoch genüsslich zu, wie die anderen den berühmten Pegel erreichten.
In unseren Verkleidungen gingen wir schließlich noch in eine Bar und tranken ein Bier.
Am nächsten Tag hatte ich einen Tag frei und nutzte die Zeit um nichts zu tun. Einfach mal Gott einen netten Mann sein lassen und Beine hochlegen.
Es war der Tag, an dem ich meine ersten Erfahrungen mit frei lebendem Wildtier machte. Ich lag am Strand als plötzlich eine Gruppe Seekühe auftauchte. Wie wild suchte ich nach meinem Fotoapparat und wie es in solchen Situationen nun einmal ist, hatte ich ihn nicht dabei – schlimmer noch: Ich hatte ihn zehn Minuten vorher ins Hostel gebracht.
Umso ärgerlicher, dass die Seekühe immer näher kamen, sie schienen gar an Menschen gewöhnt zu sein. Noch ein wildes Schnaufen und die Herde kam an Land gerobbt – direkt am Strand. Ich war verwundert, wie zivilisiert und fortschrittlich Seekühe in Neuseeland sind. Sie verständigten sich in Lauten und trugen Badeanzüge. Je näher die Seekühe kamen, umso mehr zweifelte ich an der Tatsache, dass der Mensch das klügste Lebewesen unseres Planeten ist. Es dauerte nicht mehr lange, da zweifelte ich auch an der Tatsache, dass ich ein Mensch und keine Seekuh sei. Ich verstand die Laute der Seekühe perfekt, sie sprachen fließendes Deutsch. Die Seekühe kamen nun so nah auf mich zu und legten sich auf Handtücher, dass ich nun doch meine Gedanken über die Nützlichkeit der Stubenfliege bei schlechtem Wetter ruhen ließ und überlegte, worin der Unterschied zwischen diesen Seekühen und Menschen bestand.
Da diese Überlegungen den Umfang eines Reiseberichtes jedoch sprengen würden, leite ich direkt zum Thema Zufall über.
Svens Stammkneipe in Chemnitz ist das Flowerpower. Dort traf er Maria, die nun auch gerade in Neuseeland ist. Maria ist schon seit fünf Monaten hier und zufällig natürlich zur selben Zeit in Paihia wie Sven. Das war ein tolles Wiedersehen für die beiden.
Maria hat auch ein Auto, mit dem sie mich einmal zum Supermarkt gebracht hat. Und da wir gerade vom Zufall reden, kam zufällig ein Opossum über die Straße gelaufen – Maria bremste – und das Opossum lief wieder zurück, offensichtlich vom Scheinwerferlicht verwirrt. Dann rannte das Opossum doch wieder in die Richtung, in die es eigentlich wollte. Da Opossums von Scheinwerferlicht verwirrt werden und dieser Zufall das Opossum dermaßen verwirrt, dass es statt einmal über die Straße, dreimal über selbige läuft, liegen zufällig ziemlich viele Opossums am Straßenrand und haben dort ihre letzte Ruhe gefunden. Wären die Opossums schlauere Tierchen und weniger anfällig für Scheinwerferlicht, könnten sie ein schönes, vollkommeneres Leben führen. Katzen und Hunde haben diesen Punkt erkannt und wurden Haustiere. Als ein Lebewesen kann man sich kein schöneres Leben als ein Haustierleben vorstellen.

Nun zu einer anderen Thematik, die mich ständig beschäftigt. Am anderen Ende der Welt kann es mitunter vorkommen, an Heimweh zu leiden. Dieses Leiden ist mir bisher zum Glück fast erspart worden. Es gibt dennoch gewisse Punkte, bei denen ich erst 12.000km fahren musste, um mir über deren Notwendigkeit ein Bild zu machen. Das ist zum einen das eigene Bett. Es ist wunderbar im eigenen Bett zu schlafen. Momentan schlafe ich in einem Doppelstockbett in der oberen Ebene. Heute Nacht wäre ich beinahe rausgefallen. Das ist weniger schlimm, da ich es ja nicht bin, aber diese Tortur hierauf zu kommen, stellt derartige Strapazen dar, dass es nicht mehr schön ist. Ich frage mich, welcher dämliche Bettarchitekt eine Leiter für Doppelstockbetten baut, die nur dann nicht wehtut, wenn man mit Schuhen hochklettert. In der Regel ist es auch in Neuseeland der Fall, dass eine Vielzahl der hier lebenden Leute ihre Betten ohne Schuhe besteigen und dann in diesem Zustand die Nacht verbringen.
In dieser Jugendherberge gibt es eine Holzleiter, aus fünf Sprossen bestehend, deren Tiefe etwa zwei Zentimeter beträgt. Wer sich darunter jetzt nichts vorstellen kann, sucht mal bitte im Keller nach solchen Brettern, stellt sie auf die schmale Seite und sich dann darauf. Man wird feststellen, dass schon eine Stufe höllisch schmerzt und fünf dann eine Tortur vorm Schlafen darstellen.
Ist man einmal oben, möchte man dann nicht mehr runter. Aber da man nun nicht nach Neuseeland fährt, um 6 Monate auf demselben Bett zu verbringen, ist es unweigerlich notwendig, wieder herunter zu müssen, sei es nur zum Pinkeln.
Derzeit bevorzuge ich die Technik, an die Bettkante zu rutschen und dann bauchwärts herab zu gleiten. Das scheuert zwar ein bisschen, ist aber weniger schlimm als die Leiter. Hängt man dann längs am Bett muss man nur noch ein kurzen Sprung vom unteren Bett auf den Boden vollziehen und man steht wieder auf den Füßen, oder liegt auf dem Rücken, wenn man das untere Bett verfehlen sollte.

Der andere Punkt ist das Klo. In dieser Jugendherberge gibt es leider nur das „Gaststättenklo“. Also mehrere Klos nebeneinander, nur von einer Plastikwand getrennt. Sitzt einer neben einen, kann man also genau analysieren, ob der Haufen flutscht oder der Nachbar genau dasselbe Leiden hat, wie man selbst. Auch die Im-Stehen-Pinkler sind gut zu erkennen.
Man versucht also so leise wie möglich seinen Klos in die Schüssel zu bugsieren, um bei dem doch sehr intimen Akt des Ausscheidens nicht analysiert werden zu können.
Die wichtigste Hilfe ist dabei das Klopapier. Um sich vor den Stehenpinklern zu schützen, die die Klobrille nicht hoch machen, sollte man diese erstmal abwischen oder gar mit Klopapier auslegen. Dann rollt man etwa 2-3 Meter Klopapier ab, und schmeißt diese ins Klo, um somit die „Platsch-Geräusch“ der Exkremente zu dämpfen. Das klappt wunderbar.
Wir machen beim Ausscheiden zwar alle dieselben Laute, doch einige Nebengeräusche sind mitunter sehr peinlich. Da hilft auch kein Klopapier. Man muss den richtigen Zeitpunkt wählen. Entweder Augen zu und durch und ohne Rücksicht auf Verluste. Oder man versucht langsam zu pressen, um keinen übergroßen Druck zu erzeugen. Ideal ist es natürlich, wenn man alleine ist. Dann sind alle Vorsichtmaßnahmen zu vernachlässigen, doch selbst nachts um drei kann es vorkommen, beim Geschäft gestört zu werden. Also kann man auch kräftig drücken, wenn zum Beispiel der Nachbar gerade abzieht oder laut zu singen anfängt.
Ich verstehe sowieso nicht, worin das Problem liegt, die Plastikwände zwischen den WCs vom Boden bis zur Decke zu bauen. Die Planer solcher Toiletten scheinen solche Probleme nicht zu kennen, da deren Geschäfte wohl derartig gut laufen, dass sie sich im Urlaub ein Hotelzimmer mit Einzel-WC leisten können.
Die Vorteile der heimischen Toilette liegen auf der Hand. Man weiß auch im schlaftrunkensten Zustand, wo man wann abbiegen muss, um das gewünschte Resultat zu erreichen. Das gefährliche Herabgleiten im Dunkeln von diversen Doppelstockbetten entfällt sowieso…
Denn man muss auch immer bedenken, worin die Gemeinsamkeit zwischen einer Kettensäge und Klopapier besteht; wenn man abrutscht, ist die Hand im Arsch…

Der Supermarkt

Auf der Welt gibt es viele Supermärkte. In Europa hat der Supermarkt durchweg eine positive Bedeutung (in anderen Sprachen heißt er z.B. supermarket, supermarché usw.), schließlich kann man dort Lebensmittel, Zeitungen, Windeln und Zahnstocher kaufen. Positiv durch und durch. Überlegt man jedoch, dass man dafür mitunter einen überhöhten Preis ausgibt, ist das eigentlich alles andere als super.
Von den ganzen Supermärkten dieser Welt, von denen wir nun wissen, dass es eigentlich „Ich-gebe-mehr-Geld-aus-als-ich-wollte-Mark“ heißen müsste, bin ich zufällig bei Bobs Supermarkt gelandet. Er ist der Filialleiter eines Four Square Supermarktes in Paihia, Williamsroad 4.
Die Managerin ist Claire, zufällig seine Ehefrau, und die beiden verbringen viel Zeit miteinander im Supermarkt. Claire ist eine kleine Chinesin, die vor einigen Jahren in Neuseeland eingewandert ist, dort Bob traf und ihn heiratete.
Die beiden schaffen es jedoch nicht, den Supermarkt gemeinsam zu leiten. Deswegen ist ihnen plötzlich die Idee gekommen, dass sie Angestellte brauchen. Ich bin nun einer davon. Selbst nach einer Woche hab ich noch neue Gesichter gesehen, so viele Angestellte gibt es. Einige davon sind seltener da als andere. Hier nun ein kleiner Überblick über die Vielfalt der im Four Square Paihia arbeitenden Menschen: Da sind z.B. Jenna, Paul und Ania. Alle drei gehen noch auf die Highschool in Kerikeri und verdienen sich ihr Taschengeld bei Bob. Dann ist da noch Gay. Eigentlich sind es zwei Gays. Einer von beiden ist aber tatsächlich Gay. Gay ist in diesem Fall ein weiblicher Vorname für die einzige Mitarbeiterin, die zwar jeden Tag kommt, aber immer noch keine eigene Uniform hat. Sie ist Mitte fünfzig, vielleicht auch älter. Der andere Gay ist auch gay, aber heißt Jamie. Jamie ist Kassierer und hat eine Brille auf. Wie Jay (der nun auch im Supermarkt arbeitet) festgestellt hat, und ich ihm dabei völlig zustimme, macht ihm die Tatsache Angst, dass Jamie seit etwa 15 Jahren im Supermarkt arbeitet und ganz offensichtlich immer noch Spaß daran hat. Dann gibt es da noch Lynn und Kimberly, wobei beide eine Karriere im Supermarkt anstreben und wohl gerade mit der Schule fertig worden.
Als weiteren Mitarbeiter gibt es noch Alex, das jüngste Mitglied der Bob-Crew. Er ist ein 14-Jähriger Maori. Shirley hingegen ist die Älteste im Bunde.
Dann gibt es da natürlich noch die Backpacker, z.B. Jaqueline, Laila, Sven und mich. Wir Backpacker hatten eines gemeinsam, ich möchte es mal an meinem Beispiel erklären…
Mein erster Arbeitstag begann um ein Uhr und ich meldete mich bei Bob. Er sagte ich solle zu Jamie gehen. Ich ging zu Jamie. Er zeigte mir das Gemüse und das Obst. Schön bunt, dachte ich. Dann ging er mit mir zur Kasse. Aha, dachte ich, das ist also die Kasse. Jamie zeigte mir die ganzen Knöpfe auf der Tastatur der Kasse. Wieder dachte ich, schön bunt. Jamie zeigte mir mal schnell, wir man Waren einscannt, Zigaretten und Alkohol verkauft (man muss hier bis 25 Jahren nach der ID fragen, wobei man Alkohol und Zigaretten schon ab 18 kaufen kann), wie man mit Kreditkarte bezahlt und wie man Cash rausgeben kann (man kann in Neuseeland im Supermarkt sagen „hey, gib mal bitte 30 Dollar Cash“, und bekommt die dann auch gebührenfrei), wie man Telefonkarten verkauft, wie man Waren auf ein festes Kundenkonto anschreibt, wie man Preise scannt, ohne dass sie auf der Quittung erscheinen, welchen Knopf ich bei welchem Gemüse und welchen Knopf ich bei welchen Obst drücken muss und welche Knöpfe ich bei anderen Gelegenheiten drücken soll, er zeigte mir, wir man die Kasse öffnet, ohne dass wer bezahlt, wie man Wechselgeld richtig annimmt und wie man die Tüten voll packt, Jamie zeigte mir auch, wie man Waren von der Rechnung runter nimmt und was passiert, wenn man zuviel herunter genommen hat, er zeigte mir welche Zeichen es gibt, um Verstärkung an die anderen Kassen zu bekommen und er zeigte mir noch dieses und jenes. Ich dachte mir, dass Jamie sicherlich schwul sei, da er immer so seinen kleinen Finger abspreizte; und ich dachte mir, dass ich gerade nicht aufgepasst habe, was er mir alles gezeigt hat.
Wie dem auch sei, es war 13:15 und ich sollte Kunden abkassieren. Also kassierte ich Kunden ab, Jamie blieb erstmal noch in meiner Nähe, um mir alles noch mal zu zeigen, wenn ich es brauchte.
Weiterhin zeigte mir Alex, wo im Lager und im Laden die Getränke waren, die Chips, das Obst, die Nudeln, Cornflakes, Kosmetika, tief gefrorene Erbsen, Brote, Milch, Käse und Zahnstocher.
Aha, dachte ich mir, da sind also die Zahnstocher. Es dauerte aber etwa drei Tage, ehe ich begriff, wo die verschiedenen Cola-Sorten waren und wohin sie gehörten.
Da auch Claire begriff, wie sinnlos so ein Neuer eigentlich war, bat sie mich der sinnvollen Aufgabe nachzugehen, Kisten von A nach B zu bringen, um einige von ihnen hinterher nach C zu schleppen und sich Bob dann wunderte, warum sie nicht mehr bei A waren.
Bob und Claire hatten jedoch meistens den Überblick wo sich die etwa 9000 verschiedenen Dinge, die verkauft worden, wirklich befanden.
Im Supermarkt trifft man auch teilweise die lustigsten Leute. Eines Tages kam zum Beispiel eine Deutsche mit ihrem Mann vorbei (ich bemerkte sie vorher schon, als sie hereinkamen und hörte ihren schwäbischen Akzent). Sie fragte mich in einem sehr schlechten Englisch, wo denn hier die Seife (oder was auch immer) war. Ich fragte: „Was?“ Sie, der deutschen Sprache mächtig, verstand mich und wiederholte ihre Frage erneut in ihrem gebrochenen Englisch. Ich fand das derartig lustig, dass ich nochmals „Was?“ fragte. Ihr Mann begann zu schmunzeln, wohingegen die Frau nun offensichtlich nicht mehr weiter wusste. Sie schien verzweifelt und wollte doch nur die Seife, die sie nicht finden konnte. Ihre Englischkenntnisse schienen erschöpft und ich gab ihr nun den entscheidenden Hinweis: „Sie können Deutsch mit mir sprechen.“ Über diese Nachricht war sie derartig entzückt, dass sie erstmal eine kurze Zeit lang gar nichts sagte…
Eines anderen Tages hatte ich wieder Kontakt mit Deutschen. Es war eine Gruppe, bestehend aus vier oder fünft Rentnern und sie wollten ein Schwarzbrot kaufen. Sie wandten sich an mich (ich beschloss, sie dieses Mal gleich aufzuklären, dass sie Deutsch mit mir reden konnten). Ich musste ihnen mitteilen, dass es in Neuseeland schwer werden könnte, Schwarzbrot zu kaufen… Sie wollten aber ein Schwarzbrot. Sie fragten mich nach einem Bäcker. Ich sagte ihnen, dass es einen gäbe, dieser aber auch kein Schwarzbrot produzierte. Sie fragten mich nach einem anderen Supermarkt, wohingegen ich ihnen den Tipp gab, dass es einen Woolworth gebe (vergleichbar mit Edeka in Deutschland), aber dieser auch kein Schwarzbrot verkaufe. Die Deutschen wurden grantig, „dieses olle, labbrige Weißbrot kann doch kein Mensch essen“ (sie vergaßen offensichtlich, dass es eine Menge Menschen gibt, die Weißbrot essen, in Wahrheit sogar wesentlich mehr, als welche, die Schwarzbrot bevorzugen). Ich sagte ihnen, dass ich bisher kein Schwarzbrot in Neuseeland gefunden hatte, sie beharrten aber auf ihrem Recht als deutsche Staatsbürger ein Schwarzbrot zu kaufen… Naja, wenn sie nicht gestorben sind, suchen sie wohl noch heute.
Aber genauer betrachtet ist es doch eine wirklich komische Situation. Da gibt es nun also Menschen, die sehen einen Supermarkt und denken sich „da gehe ich jetzt rein“. Warum geht man in einen Supermarkt? Wahrscheinlich, um Waren zu kaufen, die sowieso zu teuer sind, aber da man sie nun mal braucht, auch kauft. Diese Menschen verbringen nun also etwa 5-10 Minuten im Markt und schauen sich verzweifelt nach Waren um, das Angebot ist schließlich groß.
Nach diesen 10 Minuten fragen sie jemanden und erhalten die Antwort, dass es die gewünschte Ware nicht gibt, sehr wohl aber andere, die der gewünschten sehr nahe kommen. Sie wirken dann deprimiert und wissen für eine weitere Minute nicht, was sie machen sollen. Sie überlegen, wägen Pro und Kontra ab und kommen zu dem Entschluss, dass sie den Supermarkt wieder verlassen sollten, um in einen größeren Supermarkt zu gehen, ohne auch nur etwas von den 9000 Produkten gekauft zu haben.

In Bobs Supermarkt arbeite ich 40 Stunden die Woche an fünf Tagen. Gestern hatte ich einen freien Tag, Bob aber nicht genügend Leute. Er rief mich an und fragte mich, ob ich denn nicht arbeiten wolle. Natürlich wollte ich nicht arbeiten, aber ich wollte Bob auch nicht enttäuschen und entschied mich Bob zu sagen, dass ich keine Hose hätte, da sie alle in der Wäsche seien. Zu meinem Erstaunen sagte Bob, dass dies gar kein Problem sei. Dann machte er mir ein weiteres Angebot, er bot mir für vier Stunden Arbeit einen Lohn von 50 Dollar cash auf die Kralle „under the table“ an (also an der Steuer vorbei). Ich stimmte zu und ging in meinen bunten Badehosen in den Supermarkt und stellte mich an die Kasse. Nach einer Weile kam Claire zu mir, um mir eine schwarze Faltenhose zu zeigen, die ich doch mal anprobieren sollte. Ich tat es, sie passte mir mehr oder weniger und Bob stellte fest, dass ich damit auch zu einer Hochzeit gehen könnte, ich ging aber nur zurück zur Kasse.
Bob wirkt in seiner ganzen Art hektisch und relaxt zugleich. Laila berichtete mir, dass sie ihn eines Morgens beim Gemüse das Leben voll genießend einen indischen Song singen hörte. Am selben Tag hatte Bob noch eine seiner berühmten Fluchattacken, in denen sich sein Wortschatz mitunter mehrere Minuten auf die Wörter „fuck“, „shit“ und „fuck shit“ beschränkt. Meist ist Claire der Anlass dieser emotionalen Ausbrüche, wohingegen sie meist am Ende selbiger „sorry, Bob“ sagt.
Ein weiterer Bestandteil des Supermarktes ist, wie Sven immer so liebevoll sagt, das „Bob-Mobil“. Es handelt sich dabei um ein Auto, oder vielmehr war es mal eins in seinen besten Tagen. Heute ist es eher so etwas, was in unserem Kulturkreis als Schrottkarre bezeichnet wird. Es ist ein Van, ein Nissan, weiß angestrichen und schon knapp 300.000 Kilometer auf der Uhr. Das Lenkrad ist rechts. Mit diesem Van werden Lieferungen an größere Kunden des Supermarktes ausgefahren, wie zum Beispiel Restaurants, Clubs oder Hotels.
Als mich Bob einmal fragte, ob ich einen Führerschein hätte und ich mit ja antwortete, steckte er mich gleich in den Van, um eine Lieferung zu machen (ich hatte mein Führerschein an diesem Tag gar nicht dabei…).
Alles in allem ist eine Vollzeitbeschäftigung im Supermarkt ziemlich langweilig; halb so schlimm, denke ich mir immer, ist ja nur für vier Wochen insgesamt und für weitere zwei.
Heute ist übrigens der 26. Februar. Die Oscars werden heute verliehen und ich habe einen weiteren freien Tag.

Paihia bei Nacht

Nachts ist es in Paihia, wie in anderen Städten Neuseelands, ja sogar der Welt, ziemlich dunkel. Es gibt ein paar Laternen, die ihre Lichtkegel auf den Fußweg werfen und ab und zu kommt auch mal ein Auto vorbei. Seltener sieht man dagegen Menschen mit roten leuchtenden Mützen, die Saltos in der Luft machen und dabei auf Englisch über den Sinn des Lebens diskutieren.
Es gibt aber etwas ganz Besonderes, nachts in Paihia. Da Paihia eine eher kleine Stadt und wie bereits erwähnt mit spärlicher Beleuchtung ist, hat man einen wunderschönen Blick auf den Sternenhimmel. Quer über Pahia zieht sich die Milchstraße am Nachthimmel entlang, zu beiden Seiten gesäumt mit Millionen und Abermillionen von Sternen und nur einem Mond. Sitzt man nachts am Strand und verrenkt sich den Hals, um nach oben zu schauen, staunt man nicht schlecht, wie schön und voll dieser Himmel ist. Es scheint, als gebe es viel mehr Sterne als bei uns. Überall blinkt, funkelt und glitzert es. Alle paar Minuten zieht leise eine Sternschnuppe am Horizont vorbei und man merkt, dass man weit weg ist von der Hektik der Stadt oder der vielen Lichtern in Deutschland. Die Wellen plätschern mit einem zarten Rauschen in gleichmäßigem Takt den Strand hoch und im Licht des Mond- und Sternenschimmel sieht man den weißen Wellenkamm, der sich deutlich vom dunklen Meer abhebt. Genau dem Meer, das die Sonnenstrahlen in wunderschönem Azurblau zurückreflektiert.
Nachts schlafen die Touristen doch.

Das heißt, es schlafen viele, aber nicht alle. In Paihia gibt es im Großen und Ganzen sechs Orte, an denen man seinen Abend verbringen kann: Im Bett, am Strand, besoffen neben dem kleinen Bach oder man geht in die Beach-Bar, ins Salty oder Lighthouse.
Die Bar schließt um zwölf Uhr. Das Salty ist gleich neben der Bar und füllt sich natürlich schlagartig um 2 Minuten nach zwölf Uhr. Da der Großteil der Leute aber Abend für Abend nach zwei weiteren Stunden mitbekommt, dass das Salty eigentlich gar nicht so gut ist, gehen auf einmal alle ins Lighthouse (etwa 7 Minuten Fußmarsch). Die Räumlichkeiten sind dort etwas größer, es gibt einen Billiard- und Kickertisch, aber die Musik ist dieselbe wie im Salty. Die Leute ab etwa halb drei auch.
Nun hole ich ein wenig weiter aus, auch wenn dieser Schweif nichts mit der Nacht zu tun hat, aber ich denke, es ist eine gute Überleitung zu den Türstehern.
Man kann am Umfang der Menschen erkennen, wie lange sie schon in Neuseeland sind, sagt man hier. Aufgrund der ungesunden Ernährung und teilweisen Faulheit der Backpacker werden einem 90 Prozent selbiger sagen, dass man hier zunehmen wird. Je fetter man also ist, umso länger ist man hier.
Nimmt man nun diese Theorie als Grundlage, erkennt man wunderbar, dass die Maori tatsächlich die Ureinwohner Neuseelands sein müssen. Ein großer Anteil deren Bevölkerung ist überdurchschnittlich schwer (dies trifft nicht unbedingt auf den Rest der Bevölkerung Neuseelands zu).
Nachdem nun also die Maori sehr schwer sind, sind die Türsteher letztendlich extrem schwere Maoris.
Gestern sah ich einen, der hat sich sein Rücken gedacht „ach, ich wachse mal noch ein bisschen“, also wuchs sein Rücken über den Hals. Nachdem sich der Rücken den Hals einverleibt hatte, hat sich der Rücken gedacht „och, wachse ich mal noch ein bisschen“. Dieser Maori hatte sogar Rücken auf dem Kopf. Er hatte eine Glatze und die Falten auf seiner Kopfhaut stammen eindeutig vom Rücken, der sich den Nacken hochgeschoben hat und nun einen erbitterten Kampf mit der Kopfhaut über die Vorherrschaft des Hauptes führt.
Aber nicht genug, der Rücken dehnte sich bei ihm immer weiter aus, er wanderte an den Rippen vorbei nach vorn. Dieser Maori hat demnach keine Seite. Er sieht aus wie eine Kugel, es gibt keine schmalere und breitere Seite, es gibt nur den Rücken.
Und da der Rücken auch noch nach unten wächst, gibt es auch keine richtigen Beine, sondern diese sehen auch aus wie der Rücken und passen wunderbar ins Gesamtbild dieses runden Maoris. Einzig bis zu den Armen hat es der Rücken noch nicht geschafft, wenngleich diese sehr breit waren, passten sie ganz und gar nicht ins Gesamtbild, sahen sie doch eher wie angeklebt aus und standen in einem sehr ulkigen Winkel zum restlichen Körper.
Dann war doch noch sein Kumpel. Auch er hatte Ähnlichkeit mit einer übergroßen Murmel, hatte aber Haare auch dem Kopf. Jedoch schienen seine Haare genauso ein Eigenleben zu führen wie der Rücken des anderen Türstehers.
Aber auch hier hole ich wieder weiter aus. Der zweite Türsteher ist nun also rund. Wenn ich hier vom runden Türsteher spreche, ist somit nicht eindeutig klar, welcher der beiden gemeint ist…
Der zweite Türsteher hebt sich allerdings etwas vom Outfit des anderen ab, denn er hatte eine Lakers-Jacke an. Sein ganzes Auftreten und sein Stil erinnerten an das Gangster-Dasein in amerikanischen Armenvierteln.
Der zweite war wie gesagt rund, der erste zwar auch, aber wie bereits geklärt wurde, hatte der zweite nun auch noch Haare und ein Gangsterimage. Dies schien aber nicht zusammen zu passen. Seine Haare waren an den Seiten etwas kürzer und das Deckhaar dementsprechend länger. Nach hinten verlaufend (hinten ist gegenüber der Brustnippel, da er rund ist und es bei Kugeln im Normalfall keine vorne und hinten gibt) bildeten die langen Deckhaare einen geflochtenen Zopf, der wie ein Gummischlauch hinten am Kopf hing.
Warum passen nun ein Gummischlauch und das Gangsteroutfit nicht zusammen? Eigentlich gibt es dafür keine Begründung, jedoch schien sich unser runder Gummischlauchtürsteher nicht wohl zu fühlen. Ständig wackelte er mit seiner kleineren Kugel (dem Kopf) als wolle er eine Amsel verscheuchen, die versucht, auf seinem Kopf ein Nest zu bauen. Der eigentliche Grund der Wackelei dürfte wohl der Zopf sein, der immer wieder mit dem Nacken Kontakt hatte und wohl ein bisschen kitzelte.
Da sich die Abende im Lighthouse gewissermaßen ähneln, hat man also ein bisschen Zeit, sich auch mal die Leute darin anzusehen und das ein oder andere Detail zu behalten.

Die meisten Abende verbrachten wir jedoch draußen auf den Sitzbänken unseres Hostels. Viele mehr oder weniger tiefgründige Gespräche fanden dort statt und auch Svens, Jays und Markus Geburtstag feierten wir dort. Die meisten Leute sitzen zwar vorm Fernseher und gucken sich im 5-Tages-Rhythmus immer wieder dieselben Filme an, aber einige sitzen auch draußen, mit denen man dann ins Gespräch kommt. So traf ich auch auf Jay, meinen derzeitig Englischlehrer. Er bringt die Geduld und Ruhe auf, mich immer wieder gewissenhaft an meine grammatischen und Aussprachefehler zu erinnern. Ich bin ihm dafür sehr dankbar, im Gegenzug lehre ich ihm deutsche Wörter wie zum Beispiel Kerze, links, rechts, geradeaus, hallo wie geht’s und was noch alles anfällt.
Auch Hans, Pieter und Kathrin sowie Rebecca saßen ständig draußen und mit ihnen konnte man stundenlang über Gott und die Welt plaudern. Sven, Katha, Laila und Jaqueline waren fast standardmäßig dabei, ebenso Robert aus Klein Wanzleben (die Magdeburger und Bördeländer wissen mit dem Wort „Klein Wanzleben“ sicherlich mehr anzufangen als der Rest der Welt).
Die drei Mädels haben sich heute (28.02) auch gleich mal ein Auto gekauft; ein Geschäft, das noch vor mir liegt…

Das war also der Februar…

Nun bin ich schon 23 Tage von der Heimat entfernt. Manchmal fragt man sich schon, was zu Hause von sich geht, ob die Schneeglöckchen schon blühen oder ob die Baustelle um die Ecke schon fertig ist. Wenngleich ich mir hier einen neuen Alltag erschaffen habe, ist es doch alles ein wenig ungewohnt und ich erinnere mich zurück an die Tage, an denen ich wochenlang zur selben Zeit aufstand, Zivildienst bzw. Schule machte und auch zur selben Zeit nach Hause kam. Immer die gleiche Prozedur. Dieses Zurückdenken an zu Hause, an die Familie und Freunde nennt man, wenn es sehr ausgeprägt ist, Heimweh. Wenngleich ich mir wie gesagt einige Zustände in der Heimat vorzustellen versuche, ist der Drang Neuseeland zu verlassen, keineswegs vorhanden.
Mein neuer Alltag hat Besitz von mir ergriffen und fordert mich in einem Maße heraus, dass sich die Gedanken an alles andere fernab von Neuseeland auf die Abendstunden kurz vorm Einschlafen reduzieren…

Von Neuseeland selbst habe ich noch nicht viel gesehen, jedoch genieße ich derzeit die warmen Tage des Restsommers hier in Northland. Die beiden Nächte in Auckland haben vorerst vollkommen ausgereicht. Ich werde wohl noch öfter in Auckland landen. Was ich mir noch vorgenommen habe, ist ein Bungeesprung entweder vom Skytower oder der Harbour Bridge. Aber da werden mir die nächsten Monate sicherlich noch einige Lichter aufgehen.
Paihia selbst ist nun eher eine solche Stadt, deren Schönheit im Verborgenen liegt. Das wertvollste sind hier die Hostels bzw. Backpacker, die diese Stadt zum Leben erwecken. Ich bleibe wohl noch weitere 10 Tage und werde den Job bei Bob vollenden, bevor ich mich dann auf dem Weg auf die Südinsel mache, von der alle sagen, sie sei die schönere Hälfte Neuseelands.

KategorienReiseberichte

Russland (St. Petersburg)

Russlandreise vom 19.04.2006 ? 26.04.2006 oder wenn man will auch schon ab dem 18.04.

0. Tag 18.04.
An dem wir losfuhren und gleichzeitig auch wieder angekommen sind.

Gott begann mit seiner Schöpfung am ersten Tag. Ich hingegen schon mit dem 0. Tag der Aufzeichnung meiner Memoiren. Denn es gibt einen triftigen Grund, mit dem nullten Tag zu beginnen.
Der nullte Tag ist somit der Tag, an welchem wir losfuhren und gleichzeitig auch wieder angekommen sind. Abfahrt war gegen sieben Uhr Florian-Geyer-Straße 18, unseren Scheitelpunkt erreichten wir in Ziesar und kehrten von dort wieder nach Hause zurück: Wir haben unseren Flug verpasst, weil auf der A2 eine Vollsperrung war und diese uns auf gemeinste Art und Weise an der freien Durchfahrt nach Berlin-Tegel hinderte. Das Ergebnis war, dass wir uns vor Schreck erst einmal ein Brötchen bei Bäcker Otto holten. Da nun der restliche Tagesablauf mit der Russlandreise nur minderwertig zu tun hatte, sehe ich an dieser Stelle davon ab, weiter von meinen täglichen Gewohnheiten zu berichten.

{page} 1. Tag 19.04.
An dem wir losfuhren und gleichzeitig auch angekommen sind, sich aber schnell drei Fragen stellten.

Der erste Tag begann wie der vorige ? mit dem Unterschied, dass wir Tegel problemlos erreichten und diesmal auch unseren Flug schafften. Beim Check-In verlangten wir die Reihe 12. Sollte in naher Zukunft jemand der Leser mit flydba nach Moskau reisen, sollte er ebenfalls die 12. Reihe verlangen, da hier das Wunder der Beinfreiheit in Flugzeugen herrscht. Grund dafür ist der Notausgang. Die weiteren Vorteile der Reihe 12 liegen somit bei etwaigen Katastrophen auf der Hand…
Nachdem wir losfuhren und dann in Moskau angekommen waren, stellten sich mir auch schnell drei Fragen.
Erstens: Warum müssen russische Autos immer eine so verdammt laute Alarmanlage haben, die sich auch einschaltet, wenn man das Auto lediglich öffnet oder abschließt.
Zweitens: Warum haben russische LKWs ihr Kennzeichen noch einmal in Großbuchstaben an ihrem Heck stehen?
Drittens: Warum reißen russische Einzelhandelsfachkräfte den Bon immer an?
Ich versuche dem Leser im Laufe dieses Berichtes diese drei elementaren Fragen zu beantworten, denn wozu bin ich schließlich nach Russland gefahren?
Vom Flughafen holte uns Rais (sprich: Ra-Is) ab, ein Taxifahrer in den 30ern. Er war es auch, der den Koffer in den Kofferraum hievte. Rais hatte schwarze Haare, war nicht der Größte und eher schmächtig; zur Bedienung des Taxis sollten sich seine körperlichen Nachteile aber nicht nachteilig auswirken.
Da der Tag in der Tat schon sehr anstrengend war (im Auto und Flugzeug herumsitzen) befiel mich noch in Moskau eine kleine Müdigkeitsattacke. Ich bekam nur noch wenig davon mit, dass in der Gegenrichtung trotz der fünf Spuren mal wieder Stau war und auch, dass am Straßenrand wieder das ein oder andere Feuerchen brannte (was nicht alles so verheizt wird; Autoreifen qualmen besonders gut), tangierte mich nicht sonderlich. Ich schlief schlichtweg ein. Ich träumte davon, dass es nochmals vier Stunden dauern würde, bis wir Yaroslavl erreichen würden.
Nach einer Stunde wurde ich dann aber schon wach. Durch die ungünstige Straßenbeschaffenheit klatschte mein Kopf ständig gegen das Fenster. Und wer schon einmal diese monotone Erfahrung (buff-buff-buff) gemacht hat, weiß, dass das ziemlich unangenehm ist und es sich mit Kissen und schöner Matratze wesentlich besser schlafen lässt. Die nächsten drei Stunden beobachtete ich also den Verkehr auf der einzigen Straße zwischen Moskau und Yaroslavl. Es war zwar nicht ganz so aufregend wie ein Freundschaftsspiel im Schachsport, aber wenigstens wurde mir nicht langweilig. Bei den waghalsigen Überholmanövern drückte ich jedenfalls immer dem LKW-Fahrer die Daumen, dass er den schnellen Passat vielleicht doch mal einen mitgeben würde. Die Fahrt verlief aber ruhig und wir erreichten unser Ziel dann doch noch irgendwann.
Vaters Wohnung befindet sich ein wenig abseits der Straße, sodass man erst über einen kleinen Hinterhof zum Eingang gelangt. Die Beschreibung des Hofes überlasse ich aber meinen grandiosen fotografischen Fähigkeiten.
Nachdem wir die Eingangstür zum Haus passiert hatten, sah ich erst einmal gar nichts mehr. Es war nämlich dunkel. Es gibt zwar einen Lichtschalter, über dessen Funktion lässt sich jedoch streiten. Der Flur war dann ganz in Ordnung, es stank nicht und wenn man wusste, an welchen Stellen die Fliesen ausgebrochen waren, war auch die Stolpergefahr eher gering.
Die Wohnung machte dann aber schon einen guten Eindruck auf mich. Vater meinte, sein Schlafzimmer wäre früher eine Sauna gewesen. Dieses Indiz und jenes, dass unter einem Tisch ein Lichtschalter mit Dimmer ist, ließ Vater schlussfolgern, dass er in einem ehemaligen Etablisment untergebracht ist…
Der Rest des Tages verlief eher unspektakulär: wir waren essen und dann schlafen.

{page} 2. Tag 20.04.
An dem ich mir die erste Frage noch einmal stellte und wir schon wieder losfuhren.

Die Wohnung, in der Vater haust, ist in der Wintersaison sehr stark beheizt. Da ich im Wohnzimmer schlief, war dies also der heißeste Ort. Versuche, die Heizung niedriger zu drehen, werden mit heftigen Protesten der anderen Mieter quittiert, da es sich hier um eine Zentralheizung handelt und alle, die hinter der ausgedrehten Heizung wohnen, kein warmes Wasser mehr kriegen.
Ich öffnete also am Abend sämtliche Fenster und begann so meinen Tag schon um fünf Uhr morgens aus genau zwei Gründen: Ich stellte mir die erste Frage und ein Zwitschervogel nervte mich unglaublich mit seiner Auffassung vom Singen.
Nachdem die Fenster geschlossen waren, wachte ich erst um 11:15 wieder auf und bereitete mich mental auf die Reise nach St. Petersburg vor (Fernsehgucken und Lesen).
Als vier Stunden später Vater von der Arbeit kam, pilgerten wir noch einmal durch Yaroslavl und Vater zeigte mir jenen legendären Ort, an dem er zehn Tage zuvor spektakulär überfallen wurde.
Ich erfuhr weiterhin die Antwort auf die dritte Frage. Kauft mit irgendwo in Russland eine Dienstleistung, eine Ware oder ein Bier, so bekommt man meist einen Kassenzettel ausgehändigt, welcher prompt von der Kassiererin angerissen wird.
Die Ursache dafür ist wie so oft in der Vergangenheit zu finden. In Lebensmittelläden (produkti) war es üblich seine Ware an einer Theke zu bestellen. Man bekam sie aber nicht sogleich ausgehändigt, sondern vielmehr einen Zettel, auf dem die gekauften Gegenstände ordentlich aufgelistet waren. Mit diesem Dokument ging man dann zur Kasse, an der eine ausgebildete Buchhalterin (bzw. Kassiererin) saß und die Rubletten entgegennahm. Jetzt erst bekam man den Bon, mit welchem man dann wieder zur Theke zurückging. Dort erhielt man seine Waren und die Frau hinter der Theke riss den Kassenzettel an. Die Wanderung zwischen Kasse und Theke hat sich heute weitestgehend aufgelöst ? übrig geblieben ist nur das Rudiment des Reißens.
Eine weitere Beobachtung, die ich an jenem Tage machte, waren die Trinkgewohnheiten der Einheimischen. Obwohl bisweilen in anderen Weltmächten der Verzehr alkoholischer Getränke in der Öffentlichkeit strikt untersagt ist, gibt es auch andere Länder mit dementsprechend anderen Sitten. Hierzulande ist es daher üblich, neben seiner Freundin an der rechten Hand, eine Bierflasche in der linken Hand spazieren zu führen. Dieses Phänomen ist jedoch keineswegs auf Männer beschränkt. Auch Frauen frönen dem Konsum des Gerstensaftes auf offener Straße. Ein guter Vergleich bietet sich hier mit unserer Kultur an. Sobald bei uns die ersten warmen Sonnenstrahlen durch die noch kahlen Baumkronen funkeln, trifft man allerorts Deutsche mit leckeren Eistüten. Die Russen bevorzugen nach dem kalten Winter jedoch ein schönes Kühles open-air. Dies soll nicht heißen, dass während der kalten Jahreszeit kein Alkohol konsumiert wird…
Am Abend wurden wir zum Bahnhof gebracht, wo schon der Zug auf uns wartete.

Nun sitze ich hier im Zug und schwanke gleichmäßig mit den Bewegungen der Gleise. Die Geräusche der Räder auf den Schienen, die Sinfonie der Eisenbahn. Ich betrachte mein Spiegelbild in der dunklen Scheibe ? dahinter die ewige russische Ferne, welche nur zu erahnen ist. Es ist 23:30. Seit einer Stunde sitzen wir in der Bahn. Um acht Uhr gibt es Frühstück. Um elf Uhr erreichen wir St. Petersburg.

{page} 3. Tag 21.04.
An dem wir nette Leute trafen, mein Vater sich der Vergänglichkeit der Moderne bewusst wurde und wohl sogar Lenin Geburtstag hatte.

Unser Abteil war ausgezeichnet ausgestattet. Es hatte einen Fernseher, ausreichend Licht und war sauber. Auch die Betten waren schon bezogen und ein kleines Lunchpaket stand auf dem Tisch bereit, dennoch hat ein Hamster in seinem Häuschen mehr Platz.
Die concierge ? oder dezhurnaya wie die ?Zugfrau? hier genannt wird ? versorgte uns gegen neun Uhr morgens mit Gemüse, warmen Kartoffeln, einem kleinen Stück Fleisch und Brötchen. Es schmecke überhaupt nicht, aber immerhin gab es etwas zu essen. Die Frau war sehr freundlich!
Der Zug erreichte den moskovski voksal pünktlich und wir fuhren mit der metro zu unserem Hotel pribaltiyskaya. Die Metro-Station und das Hotel trennen ca. zwei Kilometer, die wir mit dem Bus zurücklegten. Erst fragten wir einen älteren Herrn, wo es zum Hotel gehe und er wies uns den Weg, sah dann aber plötzlich den Bus und schob uns regelrecht in diesen hinein. Im Bus fragten wir, ob dieser zum Hotel fahre, was uns bejaht wurde. Als wir das Hotel erreichten, sagten uns der Fahrer, die Kartenfrau und ein paar Passagiere, dass wir unser Ziel erreicht hätten. Im Laufe des Tages wies ein Jugendlicher sogar meinen Vater noch darauf hin, dass seine Schnürsenkel offen waren. Nicht vorzustellen, was hätte passieren können, wenn jemand auf den sehr vollen Straßen auf Vaters Schnürsenkel getreten wäre. Peinlich, peinlich…
Das pribaltiyskaya war vor 20 Jahren eines der Hotels, die ein DDR-Bürger in St. Petersburg als ?upper-class? bezeichnet hätte. Mein Vater war DDR-Bürger und war in diesem Hotel und fand es modern. Als wir davor standen wurde meinem Vater die Vergänglichkeit der Moderne bewusst und dass es jetzt weniger erstrebenswert sei, unbedingt hier nächtigen zu müssen. Damit kein falscher Eindruck entsteht, das Hotel ? ca. 1200 Betten ? ist immer noch ein gutes Hotel mit einem guten Komfort; nur ist es eben aufgrund der Größe keineswegs erstrebenswert dort zu nächtigen. Die Zimmer waren simpel eingerichtet aber die weißen Frottee-Handtücher waren grausam; sie waren mit jener komischen Sorte Waschpulver gewaschen, die die Handtücher zum ?Knirschen? bringt. Wer weiß wovon ich rede, kann sicherlich mitfühlen, wie grausam das Abtrocknen war; wer nicht bescheid weiß, kann hingegen froh sein.
Nach einer Dusche gingen wir zum Nevsky prospekt, der hiesigen Hauptstraße, auf der natürlich kapitalistische Kommerzeinrichtungen á la McDonalds, Hugo Boss, Mango und Fujifilm nicht fehlen durften. Wir schlenderten an dieser und jener Sehenswürdigkeit mal so eben vorbei und dachten uns, dass das eine schöne Statue oder ein großes Gebäude sei. Auf dem Dvortsovaya ploshchad (dem Platz vor der Ermitage) gab es jede Menge Soldaten. Wir fragten uns, warum denn so viele von jenen da so einfach herumliefen. Als guter DDR-Bürger meinte mein Vater, dass Lenin Geburtstag haben und dass das der Grund gewesen sein könnte, warum hier 1000 russische Armisten ihr Unwesen trieben. Ordentlich in Reihe und Glied sorgten sie dafür, dass der durchaus große Platz vom gemeinen Volk verschont blieb.
Als kleines Schmankerl des Tages darf nicht unerwähnt bleiben, dass ein Russe afrikanischer Abstammung in einem traditionellen Gewand versuchte, Besucher in ein Schokoladenmuseum zu lotsen. Ein Deutscher, der immer sofort an seine unehrwürdige Geschichte erinnert wird, darf hier ruhig einmal schmunzeln.
Weiterhin war ich positiv überrascht, dass es in St. Petersburg ein Goethe-Denkmal gibt ? neben einer Lutherschen Kirche direkt am Nevsky prospekt.
Für morgen habe ich beschlossen einen Notizblock mit auf die Piste zu nehmen. Aber ich habe mir auch vorgenommen für meine Mathe-Nachprüfung zu lernen…

{page} 4. Tag 22.04.
An den wir im Bernsteinzimmer standen, aber um dorthin zu gelangen vorher noch mit dem Vorortzug gefahren sind, in dem viele Händler verschiedenste Sachen angeboten haben und es im Allgemeinen ein sehr erlebnisintensiver Tag war, von dem ich hoffe möglichst wenig beim Beschreiben vergessen zu haben.

Der Tag begann wie ein Tag beginnen sollte: Mit dem Frühstück. Da wir in einem 4-Sterne Hotel nächtigten, kam es mir merkwürdig vor, als auf einmal ein Russe vor mir stand. Das ist eigentlich weniger verwunderlich, zumal wir ins auch in Russland aufhielten; aber dieser Russe unterschied sich ein wenig von der typischen Gesellschaft eines 4-Sterne Hotels. Was ihn zu einem lustigen Russen machte, war die Tatsache, dass er zum Frühstück in einer lockeren Jogging-Hose und Pantoffeln erschien. Mein Vater klärte mich auf, dass dies eine russische Sitte sei und dass er so was öfter erlebe.
Als ich mir ganz gemütlich meine heiße Schokolade herunterspülte sah ich weitere Russen. Dies war wiederum daran zu erkennen, dass sie sich schon zum Frühstück statt Apfel- einen Gerstensaft gönnten.
Es gab noch eine Sachen, die merkwürdig war. Der gestrige Tag war in der Tat sehr verregnet und wir quittierten es mit Freuden, dass heute draußen die Sonne schien. Jedoch fragten wir uns, warum die Straße nur so nass war. Es war nur die Hauptstraße, welche von einer wässrigen Schicht bedeckt war. Wir guckten zum Himmel ? strahlend blau. Wir guckten zur Straße und sahen einen LKW, der nichts weiter tat, die komplette Straße zu benässen. Aha!
Danach fuhren wir mit der metro zur pushkinskaya. Das besondere an metros russischer Bauweise ist die Tiefe, in der sich die Züge befinden. Eine Messung ergab, dass wir uns 2 Minuten und 53 Sekunden auf der Rolltreppe abwärts aufhielten. Vor Langeweile weiß man nicht, was man tun soll und schaut sich mal so die Leute an, die einem dabei entgegenkommen. Das kann lustig sein. Man sieht sitzende Leute, gehende Leute, rennende Leute; Leute, die einen angucken, die weggucken, die Musik hören. Leute mit grauen Haaren, mit Mützen, langen oder kurzen Haaren. Es gibt Leute mit Bart und ohne, mit Jacken, Pullis, Schals, Jeans, Faltenhosen und mit Koffer. Viele Leute haben andere Leute an der Hand und knutschen, andere sind alt und knutschen nicht mehr. Leute, die verträumt herumgucken oder sich konzentriert die Werbung durchlesen; andere lesen Zeitung, Bücher, Magazine. Manche tragen eine Gitarre auf dem Rücken, andere einen Rucksack und wieder andere ihr Kind. Die Vielfalt derer, die man in der Metro zu Gesicht bekommt ist grenzenlos. Einen alten Mann habe ich zum Beispiel gar nicht erst zu Gesicht bekommen, weil sein Anlitz mit einem grauen, langen, filzigen Bart verwuchert war.
In der metro dann stand ich vor einem Sitzplatz, auf dem sich ein junger Mann ein Bier genehmigte. Als es alle war, zerknautschte er die Dose, dabei lief Bier auf seine Hose. Er guckte sich verlegen um und ich grinste ihn an. Er stand auf und stieß dann auch noch mit dem Kopf gegen die Stange zum Festhalten. Der Geruch nach Bier auf der Hose folgte ihm, als er herausging.
Nachdem es mein Vater mit mehr oder minder großem Aufwand schaffte, ein Ticket nach Puschkin zu ordern, der Stadt, in der mit dem Yekaterinensky dvorets (Katharinenpalast) auch das Bernsteinzimmer ist, stiegen wir in den Vorortzug.
Wir fuhren zwar hin und zurück, aber ich fasse die Fahrt als Ganzes auf und berichte im Folgenden lediglich von der Fahrt mit dem Vorortzug, ohne Acht auf die Richtung zu geben ? das spielt nämlich keine Rolle.
Wer hätte gedacht, dass eine Fahrt mit dem Vorortzug ein Touristenhighlight sein könnte? Es ist auf jeden Fall zu empfehlen, da man hier wohl der einzige Tourist ist und von Russen umgeben ist, die hier in freier Wildbahn ihrer Alltäglichkeit frönen. Es darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass das Kaufen der Karten für Leute, deren Russischkenntnisse gegen Null streben ein genauso großes Abenteuer wie die Fahrt mit dem Vorortzug selbst sein dürfte…
Als der Zug losfuhr, begann das Showprogramm. Zuerst spielte ein junger Kerl fröhlich mit seiner Gitarre und sang dazu kräftig und mit lauter Stimme ein russisches Lied. Fast jeder im Wagon spendierte ihm ein paar Rubel für den Auftritt. Er hatte den Wagen noch nicht einmal verlassen, da erhob sich ein weiterer Mann und wollte seine Brillen an den Mann bringen. Als er den Wagon verließ, dauerte es nicht lange, bis ein Dritter seine Waren anbot. Aus seiner Tasche zauberte er einen Schraubenzieher. Danach ein Kartenspiel und ein Paar Handschuhe. Schließlich holte er noch Socken raus und Reinigungsmittel. Zuletzt versuchte er die Reisenden mit Deo-Spray zu beeindrucken. Er gab sich soviel Mühe seine Ware anzupreisen und war ganz enttäuscht als keiner im Abteil den Anschein von Interesse erweckte. Mit trauriger Miene und ohne Verdienst zog er weiter.
Als ich durch den Zug blickte, sah ich Gesichter, die schliefen oder lasen oder lächelten. Aus einigen funkelten die Goldzähne, bei anderen gab es nichts, was hätte funkeln können. Neben mir naschte ein Junge die ganze Zeit Knabberzeug. Gegenüber saß eine Frau mit Kind auf dem Schoß und einer Disney-Zeitschrift. Das Kind zählte fleißig die Dalmatiner, die auf einem Bild zu sehen waren.
Schräg zu mir saß ein Mann. Aus seiner linken Jackentasche hingen Handschuhe und aus seiner rechten eine Flasche Bier. Der Mann, das stand jedenfalls fest, hatte absolut einen über den Durst getrunken. Er hob die Bierflasche und tat einen weiteren kräftigen Zug. Er merkte es schon gar nicht mehr, dass das Bier aus seinem Mundwinkel herunter floss und ihm von da aus auf die ausgewaschene Lederjacke tropfte. Als er dann einen Fahrschein kaufen musste, suchte er verzweifelt und sehr langsam nach seiner Brieftasche, in welcher er dann genauso verzweifelt einen Zehn-Rubel-Schein suchte. Dann gab er sich größte Mühe die Brieftasche wieder in die Innenseite der Jacke zu bugsieren. Er vergaß, auf welcher Seite die Innentasche war und tastete erst einmal die rechte Jackenseite ab. Nachdem er dann irgendwie festgestellt hat, dass es noch eine linke Seite geben musste, schob er sie dann schließlich doch noch hinein. Danach wollte er den Reißverschluss der Jacke zumachen. Seine Augen waren geschlossen, was sich als schlechte Idee herausstellen sollte, denn wie konnte er nun erkennen, wo der Reißverschluss war? Er tastete auf Brusthöhe nach dem Reißverschluss und fand ihn nicht. Das schien ihm dann jetzt alles ein wenig zu stressig zu werden und er machte eine kleine Pause. Nach etwa drei Minuten startete er einen neuen Versuch, die Jacke zu schließen und suchte diesmal auf der Höhe des Bauches und freute sich sichtlich, als er auf den Reißverschluss stieß. Behutsam zog er ihn dann bis zum Kinn hoch. Jedoch sollten sich die Dinge wieder zum Schlechten wenden als er wehmütig feststellte, dass sein Bier alle war. Kurz danach stieg er aus. Zurück blieb nur seine Fahne.
Während dessen kam ein weiterer Verkäufer durch das Abteil und pries seine Schirme an. Ich verstand nicht, was er erzählte; aber da er seine Schirme vier Minuten lang vorstellte, müssen es wirklich gute Schirme gewesen sein mit vielen Extrafunktionen. Einer Frau gefiel der Schirm und lies ihn sich vorführen. Man konnte ihn auf- und zuspannen. Wahrscheinlich perlt sogar Wasser an ihm ab. Die Frau schaute sich die verschiedenen Farben an und entschied sich dann zur Freude des Schirmverkäufers auch, einen zu kaufen.
Als nächstes kam eine Frau herein, die irgendwelche Güter aus dem Baltikum verkaufen wollte, ihr folgte einer, der gebrannte DVDs verhökerte.
Als ich in Gedanken versunken aus dem Fenster starrte, furzte auf einmal etwas sehr laut. Neugierig sah ich mich um und sah einen Häbndler, der seine Ware vorführte: Es waren fliegende Luftballons. Er blies einen länglichen Luftballon auf und lies ihn quer durch das etwa 20 Meter lange Abteil fliegen. Die Gäste machten dem Luftballon platz, sodass er nicht an ihren Köpfen landete. Einige waren sichtlich amüsiert und andere fanden es weniger originell. Es gab aber tatsächlich einige Fahrgäste, die diese Erfindung bereitwillig in das Sortiment ihres Besitzes aufnahmen.
Als wir dann in Puschkin ankamen, brachte uns Taxifahrer Valerie zum Palast. Er erzählte uns, dass er ein ehemaliger Marineoffizier gewesen sei. Er konnte ein bisschen Englisch und so mischten sich ständig englische Brocken in seinen Redefluss. Seine Stimme klang, als ob er sich ausschließlich von Zigaretten und Wodka ernähren würde.
Der Palast war in der Tat sehr prunkvoll und ist daher auch sehr empfehlenswert. Fährt man jedoch nicht mit der Vorortbahn, verpasst man aber ein Stück russischer Kultur.
Wir erfreuten uns dann, dass wir den Zweck unserer Reise erfüllt hatten; wir wollten das Bernsteinzimmer sehen. Als kleinen Bonus sahen wir einen weiteren berühmten stählernen Deutschen: Ernst Thälmann stand stramm in einem Park in Puschkin und schaute mit geballter Faust auf die Fußgänger herab.
Den Rest des Tages schlenderten wir durch Petersburg (z.B. zum Smolny monastyr).
Gegen Abend sahen wir immer mehr individuelle Künstler auf den Straßen. Es gab einen Mädchenchor, bestehend aus vier jungen Damen, die sich wohl einen Spaß daraus machten, schlecht zu singen. Weiterhin gab es mehrere Musiker, die dann doch qualitativ besser waren. Zwei Leute tanzten auch miteinander. Auf den Bänken saßen zahlreiche Menschen mit ihrem Bierchen und schauten dem Treiben auf dem Nevsky prospekt zu.
Meine letzte erwähnenswerte Amtshandlung war für heute, dass ich Leipi anrief und mit breitem Grinsen fragte, was er denn gerade tue (Anm. d. Red.: Leipi schrieb am darauf folgenden Montag sein Deutsch-Abitur) und ihm sagte, dass wir das Bernsteinzimmer besichtigt hatten.

{page} 5. Tag 23.04.
An dem wir Sonnenanbeter sahen und uns kurzfristig entschlossen, die Ermitage zu besichtigen.

Nach dem heutigen Tag sollten uns die Füße richtig wehtun. Wir liefen quer durch St. Petersburg und genossen den Ostersonntag. Wir begannen unsere Exkursion in der Peter-Paul-Festung, in der auch sämtliche Zaren begraben liegen.
Auffallend war die starke Präsens von Militärs an diesem Sonntagvormittag. Wahrscheinlich waren sie alle ganz artig gewesen und nutzten den Tag für ein paar Spazier- und Kulturgänge.
Hätten wir gewusst, dass um zwölf Uhr die Glocken schlagen, wären wir sicherlich eine halbe Stunde später gekommen, denn genau so lange dauerte die Qual für die Ohren. Ein Glockenspiel schön und gut, aber man darf es nicht übertreiben. Zur Entschädigung bekamen wir Sonnenanbeter zu sehen.
Der Tag war in der Tat sonnig und in der Sonne auch angenehm warm, jedenfalls hatte ich den Eindruck mit meiner Strickjacke und meinem Parker an. Nichtsdestotrotz waren es objektiv betrachtet nicht mehr als 7°C. Allerdings war es auch der Tag, an dem die Sonnenstrahlen erstmals ein bisschen Wärme auf die Neva sendete. Nun also zu den Sonnenanbetern; dies waren etwa zehn Männer und Frauen, die sich am Ufer der Neva sonnten, bekleidet nur mit einer Badehose und teilweise auch mit Socken.
Eine weitere Frau lies sich ebenfalls von der Sonne berieseln, zog ihre Schuhe aus und ging dann spazieren. Überhaupt sahen wir so viele Leute auf der Straße, wie die letzten Tage nicht.
Wir schlenderten weiter zur Aurora und weiteren Plätzen der petersburgischen dostraprenasicd0f bis wir schließlich zur Ermitage gelangten. Das ehemalige Winterpalais der Zaren dient heute als eine riesige Kunstsammlung von einer Größe, dass man schon allein mindestens zwei Tage damit verbringen könnte, sich diese umfangreichen Gemälde, Skulpturen, Teppiche, Stiche usw. anzusehen ? wir hatten 90 Minuten Zeit, bis das Museum schließen sollte.
Viele russische Museen haben Dienstags geschlossen; das wussten wir. Was wir nicht bedachten war, dass auch der letzte Montag im Monat kein Arbeitstag für Museenangestellte ist. Eine Frau ohne Zähne aber dafür mit Englischkenntnissen versuchte sich uns als Guide aufzudrängen. Ich meinte zu Vater, dass sie keine Zähne habe und wir einigten uns, dass sie uns lediglich Tickets besorgen sollte und einen kleinen Obolus dafür erhielt.
Wir rasten in den folgenden 90 Minuten durch sämtliche Kunstepochen und hätten einen Sachverständigen gut gebrauchen können, zum Beispiel jemanden, der eine mündliche Kunstprüfung absolvierte.
?Oh! Stiche von Rembrand, und dann gleich ca. 200 Stück ? schön.? Zwei Minuten später sahen wir uns mit den Arbeiten von Michelangelo konfrontiert und überflogen diese. Weiter in dem Wirrwarr der Räume ging es in die Kunst der Renaissance, des Barock und wie die ganzen Richtungen heißen. Wir hetzten von Raum zu Raum und sahen Bilder von Rubens, Hess, und, und, und. Einige Gemälde waren so groß, dass sie die Grundfläche meiner Wohnung hatten ? andere vielleicht noch größer. Manche waren hingegen so klein, dass sie in ein Überraschungsei gepasst hätten. Die Vielfalt war erdrückend.
Die Ermitage beherbergt auch einen großen Teil deutscher Beutekunst und nur um die 20% der Kunstschätze können tatsächlich ausgestellt werden ? für mehr reicht der Platz nicht. Unvorstellbar, wenn man wie wir durch das Labyrinth an räumen liefen und uns ständig fragten, ob wir hier schon mal gewesen seien. Fakt ist, dass es keinen Zweck hat, die Ermitage zu besuchen, wenn man nicht wenigstens ein bisschen Vorahnung oder Ziele hat, was man sehen möchte, denn für alles wird die Geduld einen Durchschnittbürgers nicht reichen.
Übrigens ist der Eintritt für Studenten frei, also den Schüler- bzw. Studentenausweis nicht vergessen!
Anschließend sind wir noch einmal um die Alexandersäule gegangen, denn es heißt, dass man dann wiederkommen würde an die Stadt an der Ostsee. Es ist daher clever, dass der Alexandersäule direkt vor der Ermitage steht, sodass man nur einmal um die Säule geht und sagt, okay, den Rest guck ich mir nächstes Mal an!
Nach diesem Marathon ließen wir es ruhiger angehen, aßen, tranken etwas und schlenderten nur noch ein bisschen über das Nevsky Prospekt.

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An dem wir die Strapazen der letzten Tage bemerkten und uns ein Fußballspiel ansahen.

Für heute hieß es Abfahrt und so verstauten wir unser Gepäck erst auf dem Bahnhof und gingen dann ein letztes Mal über den Nevsky Prospekt. Wir besuchten die Kasan-Kathedrale (in der man sogar anstehen musste, um berühmte Ikonen zu sehen, da hier viele Leute ihre Religion ausüben), dann die Christi-Auferstehungskirche (die so heißt, weil hier mal ein Zar verwundet wurde?) und landeten schließlich in einem Pub, in dem wir ein Fußballspiel ansahen, das AC Milan mit 3:1 gegen Medessa gewann und in dem es drei rote Karten und mindestens 8 weitere Gelbe gab.
Wir saßen etwa zwei Stunden in dieser Kneipe und hatten keine Lust und Kraft mehr, irgendetwas Anstrengendes zu machen. Danach ging es dann zu Fuß die letzten paar, finalen Meter zum Bahnhof.
Hier noch eine kleine Abschweifung. Es gibt einen Witz, den uns unser mexikanischer Reiseleiter einmal erzählt hat und der viel über die Mentalität der beteiligten Kulturen aussagt ? es ist gewissermaßen ein philosophischer Witz. Nun der Witz:

Fährt ein Deutscher mit einem Auto und er hört ein klapperndes Geräusch, so sucht er sich die nächste Werkstatt und lässt es reparieren. Bei einem Russen in selber Situation wird man merken, dass er rechts heranfährt, die Motorhaube öffnet und es schnell repariert und dann weiterfährt. Ein Mexikaner hingegen kennt bei einem Klappern des Autos nur eine Lösung: Er dreht die Musik lauter.

Nachdem der Leser sich von dem herzlichen Lachanfall beruhigt hat, sollte er sich eingestehen, dass dies mehr oder minder der Wahrheit entspricht. Denn auch wir sahen Russen am Basteln (1. Artikel der russischen Verfassung: Fahre ein Auto, das mindestens 100.000 Dollar kostet oder irgendwo klappert, Lackschäden hat, verrostet oder wenigstens vollkommen dreckig ist). Eine Eigenart ist jedoch, dass man zum Basteln nicht zwangsweise rechts heranfahren muss; zwei Tage später sollte ich in Moskau einen Bastler sehen, der auf dem Ring (das entspricht einer Autobahn mit 5 Spuren in jeder Richtung) auf der dritten Spur sein Werkzeug herausholte und es ihn keineswegs tangierte, wie die Zwanzigtonner links und rechts an ihm vorbeisausten.
Auch in St. Petersburg sahen wir einige Vertreter, die ihren Autos die Erste Hilfe verabreichten. Einer machte nur mal die Motorhaube auf, damit der ganze Qualm darunter frei wurde und der Motor nicht erstrickte. Ein anderer ging ähnlich vor und hatte aber noch ein wichtiges Werkzeug dabei, das in einem russischen Auto scheinbar nicht fehlen darf: es war ein Hammer. Mit diesem schlug er nun ganz vorsichtig wie ein Arzt, der Reflexe testet, im Motorraum herum. Ob diese Prozedur zum Erfolg bestimmt war, weiß ich nicht?

Jedenfalls fanden wir uns kurze Zeit später im Zug wieder. Leider kann man die Zugfenster nur im Sommer öffnen und der beginnt in Russland einheitlich am 1. Mai. Der erste Mai ist somit jener Tag, an dem in Zügen die Fenster geöffnet werden können oder die Zentralheizung abgeschaltet wird (trotz dessen, dass es nochmals Frost geben kann).
Im Zugabteil war es also warm und stickig. Der einzige kühle Ort war das WC, auf dem man das Fenster das ganze Jahr öffnen kann, aber es ist weniger gemütlich. In unserem Wagon waren wir die einzigen mit unseren Nachbarn, zwei stereotypen Russen.
Wir waren kaum im Abteil angelangt oder der Zug wollte gerade losfahren, da ging ich am Nachbarabteil vorbei und fand zwei Menschen darin und eine Flasche Vodka auf dem Tisch ? zur Hälfte gefüllt. Diese beiden kamen zeitgleich mit uns in den Zug und machten einen seriösen Eindruck, der sich durch ihre Anzüge und ihr gepflegtes Äußeres bemerkbar machte. Jedoch waren sie in dem Augenblick, in dem der Zug den Bahnhof verließ wie verändert. Nichts deutete mehr auf ihre bürgerliche Herkunft hin. An ihren Füßen hingen karierte Pantoffeln und weiße Tennissocken waren zwischen ihnen und den labbrigen, grauen, ausgewaschenen Jogginghosen zu erkennen. Komplettiert wurde das Outfit durch einen an Geschmacklosigkeit kaum zu übertreffenden Pulli. Kleider machen Leute, oder wie man sagt. Dieser Wandel von einem schnieken Geschäftsmann zu einem muffigen Fahrgast war sehr beeindruckend. Nichtsdestotrotz nicht weniger pragmatisch. Bequemer lässt es sich in diesen kleinen Abteilen nicht leben und auch die prophylaktische Versorgung mit Vodka zum besseren Einschlafen zeigt hier den erfahrenen Reisenden.

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An dem nichts passierte, außer dass wir den Zug verließen und mir mein Vater eine kleine Aktualität erzählte.

Die Nacht in dem muffigen Abteil war alles andere als komfortabel. Neben der bereits erwähnten Wärme machten sich auch noch unsere Abteilnachbarn bemerkbar. Die Wände sind der dünn und so vernahm ich ein klares Schnarchen von zwei ausgewachsenen Männern. Hinzu kam ein Weiterer, der seine Schlafgewohnheiten dringenst optimieren sollte, denn auch mein Vater machte Anstalten die Fahrgeräusche des Zuges zu übertreffen.
Wir erreichten abermals pünktlich Yaroslavl um 5:23 und ich verbrachte nahezu den Rest des Tages auf dem Sofa. Jedoch erheiterte mich mein Vater nachmittags noch mit einer kleinen Aktualität, die sich übers Wochenende ereignet hatte. Die Eltern von Ira, Vaters Sekretärin, waren das erste Mal seit mehreren Monaten wieder in ihrer dadsche. Üblicherweise grenzte diese ein Maschendrahtzaun ein. Doch irgendetwas war anders; der Maschendrahtzaun fehlte. Der komplette Zaun, samt Fundamenten, wurde über den Winter geklaut.

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An dem ich nach Moskau fuhr, aber nur, um von dort aus nach Hause zu gelangen

Um neun Uhr war Abfahrt und um 13 Uhr erreichten wir den Flughafen. Ich hatte Glück, dass wir nicht zu lange im Moskauer Ring festsaßen ? denn zwei Tage später sollte dieser meinem Vater bei seiner Rückreise zum Verhängnis werden; wegen eines Staus (er schaffte zehn Kilometer in zwei Stunden) verpasste er seinen Flieger.
Auf dem Flughafen passierte nichts Außergewöhnliches. Lediglich war es amüsant zu beobachten, wie die Damen am Gate versuchten die heftige Sonneneinstrahlung auf ihren PC-Bildschirm zu verhindern. Erst plusterte sich eine der beiden auf und versuchte mit ihrem stämmigen Körper einen Schatten auf den Bildschirm zu werfen, sodass man besser erkennen kann, was darauf eigentlich steht. Da diese Aktion den erwünschten Erfolg verhinderte, musste eine neue Idee her. Ihr nächster Geistesblitz bestand darin, zwei DIN-A4-Blätter zu nehmen und sie diese versuchte an der Scheibe direkt hinter ihr so zu befestigen, dass auch diese kleinen A4 Blätter einen Schatten werfen, den selbst die stämmige Frau nicht erreicht hat. Nachdem auch diese Idee zum Scheitern verurteilt war, wurde der Tisch noch hin- und hergeschoben, ebenfalls mit mäßigem Erfolg. Die beiden Frauen fanden sich schließlich mit ihrem Schicksal ab und resignierten gegenüber den natürlichen Gewalten.
Der Rest der Heimfahrt verlief ohne große Zwischenfälle, sodass ich mich mirnichtsdirnichts um 19:30 Uhr vor meiner Haustür wieder fand.

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