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Archiv für die Kategorie ‘Alltagsgeschichten’

Mein UAZ

12. November 2009 Konstantin Keine Kommentare

Unsere Zeit in Orsk geht langsam aber sicher dem Ende entgegen. Bald werde ich mich wieder auf anderen Baustellen in Russland herumtreiben, aber vorher müssen wir noch alles Brauchbare sichern und ein bisschen näher an Moskau heranbringen.  Dazu werden wir am Wochenende unseren UAZ packen und rund 2000 km Richtung Westen fahren. Der Routenplaner hat uns eine Strecke über Orenburg, Samara, Nichny Nowgorod nach Jaroslawl vorgeschlagen, um die Sache nicht zu anstrengend zu machen, habe wir dafür 3 – 4 Tage eingeplant.

Unser UAZ ist erst gut ein Jahr alt und hat erst  10 000 km auf dem Tacho, aber bis jetzt ist kein Monat vergangen in dem nicht irgendeine Reparatur fällig war (Ölleckagen, Probleme mit der Elektrik, leere Batterie usw.). Ich hoffe nun, dass er jetzt seine Kinderkrankheiten überwunden hat und wir irgendwann Anfang der nächsten Woche Jaroslawl erreichen.  Unser UAZ hat einen 2,4 l Benzin Motor und verbraucht so um die 20l Benzin für  100 km, wenn über 100 km/h fährt sind es schon mal 30 l/100 km, darum hat er auch zwei Tanks zu je 40l, Einfüllstutzen  dafür sind jeweils links und rechts, was das Tanken sehr problematisch macht, wenn man alleine ist, weil sich die Zapfsäule beim Einhängen der Zapfpistole abschaltet, was dann ein nochmaliges Bezahlen zur Folge hat (In Russland muss man an der Tankstelle bezahlen, bevor man tankt).

Siehe auch:  http://de.wikipedia.org/wiki/Uljanowski_Awtomobilny_Sawod

UAZ und Fahrer

Ein Tag im Kartenhaus

12. Dezember 2008 Konstantin 2 Kommentare

Es gibt viele Möglichkeiten ein Geschäft zu ruinieren. Eine ist es zum Beispiel unfreundlich zu sein und sämtliche Kunden zu vergraulen. Eine andere, genau dort ein Restaurant zu eröffnen, wo bereits die letzten zehn Besitzer kein Glück hatten. Andere wiederum kommen in Zahlungsschwierigkeiten und so weiter uns so fort. Eine andere Möglichkeit ist natürlich, eine Stelle so unglaublich falsch zu besetzen, dass selbst bei größter Anstrengung der Mitarbeiter keine Chance hat, auch nur irgend etwas richtig zu machen. Da könnte man zum Beispiel einen sehr kleinen Menschen im Hochregallager arbeiten lassen oder einen Pazifisten an eine Gulaschkanone stellen. Stets dürfte der erwünschte Output nicht den Erwartungen entsprechen.
Ein andere, noch viel effizientere Methode das Geschäft zu schädigen ist es, die dicke Frau im Kartenhaus arbeiten zu lassen. Nicht irgendeine dicke Frau sondern genau die in dem speziellen Kartenhaus, in dem ich heute meine Handballkarten kaufte.
Ich war die dritte Person in einer Schlange von Personen, die Karten für irgendwelche Events kaufen wollten. So viel war klar. Unklar hingegen ist, warum ich erst nach zehn Minuten bedient wurde. Doch als ich die Arbeitsabläufe live miterleben durfte, war mich schon nach sehr kurzer Zeit sehr wohl klar, was hier so stockte.
Die fette Frau war wie ein Pfropfen in einem Wasserrohr. Interessanterweise hielt sie nicht das Wasser auf, sondern die Zeit. Sie war so konzipiert, dass sich hinter ihr viel Zeit staute. Doch wie machte sie das bloß?
Ich gebe nun einen Einblick in Tätigkeit, die sie selber als Arbeit bezeichnen dürfte, wohingegen Außenstehende eher den Term Arbeitsverweigerung bevorzugen würden.
“Drei ermäßigte Handballkarten bitte”, sagte ich. “Hmm, ja, Handballkarten, wann denn?” – “Sonntag gleich bitte” – “Ja, Sonntag, ok…”. Sie wälzte sich zum Bildschirm ihres PCs. Ich sah sie nur von oben, da sie zwischen die Lehnen ihres Drehstuhls gepresst war. Ihre grauen Haare waren hell gefärbt. An ihren Fingern befanden sich wahrscheinlich Fingernägel, obwohl es eher nach Alufolie aussah (vielleicht war es quecksilberhaltiger Nagellack?). Während mir all diese Gedanken durch den Kopf gingen, hatte sie es in der Zwischenzeit zumindest schon einmal geschafft, die Maus über das Icon zum Ticketverkauf zu balancieren und nach mehrmaligem Versuchen auch einen Doppelklick zustande gebracht. Nun ging es darum, einen Benutzernamen und Passwort einzutragen.
Das sah dann so aus, dass die dicke Frau ihren linken Arm auf die Schreibtischkante stützte, sodass die dicken Titten nicht die Tastatur blockierten, damit sie mit dem rechten Zeigefinger säuberlich einen Buchstaben nach dem anderen antippte. Leider war der Cursor nicht im Textfeld aktiv, sodass dieser Vorgang zweimal durchgeführt werden musste.
Eine zweite Mitarbeiterin, die der ersten in Sachen Kompetenz nur um Haaresbreite voraus war, versuchte der dicken Frau stets gute Hinweise zu geben (“Jetzt müssen Sie auf Suchen klicken”, “Hier doppelt”, “Oh, warum geht das denn jetzt nicht?”, “Lassen Sie mich mal kurz”).
Ich fragte, ob sie denn einen Hallenplan bereit hätte. Voller Stolz berichtete sie mir, dass wir gleich am Bildschirm den Hallenplan sehen werden. (Inzwischen hatte die zweite Mitarbeiterin das Passwort eingegeben, da sich die dicke dabei vertippt haben musste und schlichtweg überfordet war). Konnte die Dicke etwas nicht recht erkennen, stand sie stets auf und berührte mit der Nasenspitze fast den Bildschirm. Mich wunderte es, dass sie nicht im Stuhl steckenblieb.
Nun kam die schwerste Übung der Kür. Ich wollte den ermäßigten Tarif haben. Die zweite Mitarbeiterin teilte mir mit, dass es so etwas nicht gäbe. “Doch”, sagte ich, “den gibt es sehr wohl.” Nun schauten sie beide auf den Bildschirm wie ein Schwein ins Uhrwerk. Plötzlich kam der Zweiten die zündene Idee, auf den Scrollbalken zu klicken und diesen dann auch noch herunter zu ziehen. Voller Erstaunen nahmen die Beiden dann wahr, dass es tatsächlich ermäßigte Preise gab. Es dauerte mindestens eine weitere Minute, bis sie es geschafft hatten, dem System klarzumachen, dass vor Ihnen ein Kunde stand, der ermäßigte Karten haben wolle. Nach insgesamt ca. fünf bis sechs Minuten Bearbeitungszeit konnte ich es kaum glauben, drei Handballkarten in der Hand zu halten.
Am Ende sagte ich nichts, als sie sich verrechnet haben und ich statt 46,20 Euro nur 45 Euro zahlte (es bereite ihnen Schwierigkeiten 14×3 zu rechnen und dann darauf zehn Prozent Vorverkaufsgebühr draufzuschlagen).
Nach mir wartete ein weitere Kunde. Er sagte zu mir, dass er auch Handballkarten kaufen wollte. Ich wünschte ihm viel Erfolg.

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Magdeburg

27. Juli 2008 Konstantin 2 Kommentare

“Los Jungs. Beeilung! Der Bus kommt in fünf Minuten.” – “Ach, Scheiße! Was machen wir jetzt mit der Mische?” – “Na füll um!” – “Oh, so’n Stress jetzt.” Ein Weiterer: “Kommt jetzt, geht los!” Ich war mit Fahrrad da und wollte nicht mehr mit den anderen zu einer weiteren Party. Direkt vor der Königstraße 2 in Ottersleben befindet sich die Bushaltestelle.

Ich war bereits draußen. “Der Bus steht da gerade…”, sagte ich. “Was? Oh, los jetzt!”, rief jemand. Sie fuhren mit dem Bus weiter, während ich mich ärgerte nun noch die drei Kilometer bis nach Hause zu müssen.
Es war dunkel. Die Straßenlaternen warfen nicht mehr als ihren gelben Lichtkegel und an einigen Enden war es ganz und gar dunkel. Meine Fahrradlampe wies mir den Weg bis zur nächsten Laterne.

Am Eichplatz bemerkte ich die ersten Menschen, die es kurz vor zwölf Uhr in der Nacht umher trieb. Sie überquerten die Straße; an der Uhr am Rand des Platzes war – nicht wie sonst üblich – kein Mensch. Nur diese drei Leute mitten auf dem gelben Kopfsteinpflaster. Was mag diese Gestalten wohl um diese Zeit hierherführen? Meine Gedankten schweiften ab. Und plötzlich war es der Wind, die mir ins Ohr blies und meine Aufmerksamkeit für die Details dieser Nachtlandschaft weckte, ansonsten war alles sehr ruhig und nichts bewegte sich. Dort hinter den Häusern war ein Sportplatz, auf dem ich früher einmal Fußball spielte. Mein Rad rollte weiter die Straße hinab. Hinter einigen Fenstern brannte noch Licht und das bunte Geflacker eines Fernsehers durchzuckte den schattigen Raum. Ah, dort stand einmal ein Baumarkt. Mittlerweile hat sich an dieser Stelle eine Einfamilienhaussiedlung entwickelt. Nein, bei diesem Baumart würde heute keiner mehr einkaufen. Auf der anderen Straßenseite stehen die Häuser schon länger. Große Tannen und alte Linden ließen hinter ihrer Dunkelheit einen Garten erahnen. In einem blank polierten Klingenschild blitzte für eine kleine Sekunde das gelbe Licht der Laterne. Kurze Zeit später fühlte man sich enger. Die Gebäude waren nun eine Etage höher und direkt am Gehweg gebaut. Meine Fahrradreifen summten auf der asphaltierten Straße und wurden leiser, als ich abbremste. Die Straße mündete nun in die Hauptstraße und ich musste wieder etwas stärker in die Pedale treten, um in Fahrt zu kommen. Die Enge der vorigen Straße wich nun einem Feld auf der einen Seite. Es waren nicht einmal Wolken am Himmel! Hinten am Horizont sah man die viereckigen Wohnsilos aus einem anderen Stadtteil. Fünf Autos fuhren nun am mir vorbei und an einer Haltestellen saßen die nächsten drei Menschen, denen ich auf meiner Heimfahrt begegnete. Sie hielten Bierflaschen in den Händen und lachten. Der Wind holte mich abermals aus meinen Gedanken zurück. Schon hier! Ich musste nur noch die Straße überqueren und in die Florian-Geyer-Straße einbiegen. Jetzt trat ich richtig in die Pedale und der Wind heulte noch einmal auf.

Als ich schließlich zu Hause ankam wurde er leiser und leiser. Schließlich kam mein Fahrrad zum Stehen. Nur noch das Brummen des Garagentors. Ich war zu Hause.

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Der erste Tag an der Uni

Eine Anekdote zum Sonntag:
Nun kam also der Augenblick, an dem ich mich als Student betiteln durfte. Wahnsinn, nach 13 Jahren Schule nun sowas!

Am Anfang bekam ich wie jeder andere auch diese wunderschöne Informationsmappe unserer Fakultät zugesandt, in der die ersten Termine verzeichnet waren. Meine erste Woche begann irgendwann im Oktober und sie nannte sich fortan “Einführungswoche”. Wir wurden brachialer Weise bereits um 7:30 Uhr eingeführt. Der Dekan der Fakultät hielt eine Ansprache an die Neuen. Ich saß nun im Hörsaal und schaute mich um und entdeckte hier und da das ein oder andere bekannte Gesicht. Das nutzte mir aber wenig, da die bekannten Gesichter zu unbekannt gewesen waren, um bekannt zu sein… Man hatte sich also schon einmal gesehen, aber mehr auch nicht.

Im Anschluss daran – wie sich später herausstellte für Studenten immernoch eine frühe Zeit – fand ein Rundgang über das Campus-Gelände statt, wo die WLOer (Wirtschaftsingenieurwesen und Logistiker) bereits unter sich waren und in vier Gruppen eingeteilt wurden. Ich kannte immernoch keinen Menschen. Aber da in unserer Gruppe nur drei männliche Wesen waren, unterhielt man sich recht angeregt. Schnell stellte ich fest, dass dieser eine von den beiden doch aus Halle kommen müsste. Für einen überzeugten Magdeburger eventuell ein kleines Problem. Doch Statistiken zeigen (nimmt man die der Einwohner heraus), dass Halle immerhin noch “schlechter” sei, als Magdeburg. Das wissen zwar alle, bloß die paar Hallenser wollen dem keinen Glauben schenken (ich weiß, wovon ich rede, Halle ist wirklich grauselig). Nun freundeten Fabi, Basti (aus der Nähe von Cottbus und von Natur aus daher kein Klassenfeind) und ich uns über alle kulturellen Grenzen hinweg doch irgendwie an…

Im Jahre 1987 beendete mein Vater sein Maschinenbaustudium in Magdeburg. Unter seinen Kollegen war damals auch Hartmut Volkmann aus Auleben (nahe Nordhausen in Thüringen). Auf den in den folgenden Jahren stattfindenden Seminargruppentreffen lernten sich also auch irgendwie die Kinder an. Da ich schon so weit aushole, dürfte nun klar sein, dass sowohl Christian als auch ich wir es für sehr unwahrscheinlich hielten, nun nach 20 Jahren ebenfalls im selben Studiengang zu sein und so gingen wir einfach aneinander vorbei als wir uns das erste Mal sahen – lernten uns im Folgenden aber auch besser kennen.

Zu guter Letzt noch ein nettes Fettnäpfchen. Christian wollte auch neue Bekanntschaften knüpfen und so kam es, dass er am ersten Tag vor einem Jungen mit blondem Haar stand. “Ja und was studierst du so?”, “Woher kommst du?” und so weiter waren die damals gängigen Fragen. “Und wie heißt du?”, fragte der blonde Junge. “Christian”, antwortete Christian, “und du?” – “Horst”. Ah, na klar, der war gut, dachte sich Christian und lachte kurz. “Haha, sag mal wirklich”, meinte Christian. Horsts Miene verfinsterte sich und das Gespräch konnte als beendet angesehen werden.

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Durch die Mitte

“Ja, mein Junge, sehr witzig.” Diese Antwort ist bei vielen Eltern und Erwachsenen nur zu wahrscheinlich der Standard, wenn der kleine Stift aus der Grundschule wieder mit einem neuen Witz nach Hause kommt und man sich fragt, warum die Grundschulwitze niemals witzig sind.

Dieser hier geht so: “Na, welche Hand nimmst du eigentlich, um dir den Hintern abzuwischen”. Je nach Person wäre die Antwort höchstwahrscheinlich die Rechte oder Linke. “Ihhh – hahahahaha”, erwidert der Stift daraufhin, da das erwachsene Opfer endlich in die Falle getappst ist, in der vorher mitunter schon zehn andere gelandet waren (und sich der Stift immernoch köstlichst darüber amüstiert. “Ich nehme immer Klopapier”, kommt dann die Pointe. Als Erwachsener will man dann ja nicht so sein und grinst freundlich und denkt sich, so mein Junge und nun mach dich wieder davon.

Man stelle sich vor ich bin der Junge und mein Opfer heißt Peter*. Ich fragte also diese erwachsende Person und freute mich schon diebisch auf die Antwort Linke Hand oder Rechte Hand. Doch nichts dergleichen passierte. “Weißt du, Konstantin. Ich habe mir doch mal die rechte Hand gebrochen”. Wunderbar, dachte ich mir, was hat das damit zu tun, wie du dir den Hintern abwischst? “Naja, und da war das mit der Linken so komisch. Deswegen mach ich das jetzt nicht so wie die meisten anderen sondern ich nehme das Klopapier und wische dann durch die Mitte ab, nicht von hinten, sondern vielmehr von unten.”

Peter hatte meinen Witz kaputt gemacht. Eine Frechheit! Ich erklärte ihm, was ich eigentlich hören wollte und was nach meinen empirischen Untersuchungen zufolge auch jeder zehnte zu sagen pflegte. Er fand den Witz nicht lustig…

*Name vom Autor geändert.

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Der neue Betrieb

Den alten Geschichten seiner Großväter- und mütter zu lauschen bringt mitunter auch den jungen Leuten ein Lächeln auf die Lippen.
Ich möchte hier die Gelegenheit nutzen, eine weitere Geschichte zum Besten zu geben.

Versetzen wir uns ein paar Jahre zurück, vielleicht so 1980.  Auch schon vor Helmut Kohls prognostizierten blühenden Landschaften, erbauten die DDR-Bürgerinnen und Bürger Fabriken,  Lager und Betriebe. Der Schweiß perlte den Arbeitern und Bauern von der Stirn. Auch der Herr, um den es jetzt geht, war einer von denen. Er fuhr stets mit dem Fahrrad zur Arbeit. Eines Tages fuhr er an einer Baustelle am Universitätsgelände vorbei und wunderte sich.
“Wilfrid”, sagte er, “du, die bauen da schon wieder einen neuen Betrieb. Mensch, der ist riesig groß, aber ich weiß man nicht, ich habe den Namen noch nie gehört. Aber es steht ganz groß MENSA drauf!”

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Ein kalter Dienstag…

Es war ein kalter Winter im Jahr 1981. Gerade dieser Dienstag schien einer der kältesten der letzten Wochen zu sein. Es kann in Russland schon einmal vorkommen, dass derart kalte Dienstag gibt.
Herr Heinrich wartete schon ungeduldig; er rutschte auf seinem Stuhl hin und her und schaute immer wieder zur Tür. Sonst kam Herr Reichelt immer pünktlich. Diesmal war er aber schon zwanzig Minuten zu spät.

Der Lada war dieser Zeit das am weitesten verbreitete Automobil in der sowjetischen Hauptstadt. Damit man es am Morgen wie gewohnt starten und nur den Zündschlüssel umdrehen musste, hatten die Bürger dieser Metropole (und auch in anderen Dörfern, Städten und Regionen) einen unregelmäßigen Schlafrythmus. Es war keineswegs unüblich, nachts das warme Bett zu verlassen, um genauso unregelmäßig den Lada zu starten und eine Runde um den Block zu fahren. Sinn dieser für unser (heutiges) Verständnis merkwürdigen Rituale war wieder einmal die Kälte (schließlich würden das Öl oder andere Dinge sonst gefrieren).

Herr Reichelt verbrachte die ganze Nacht gemütlich im warmen Bett und dachte nicht einmal daran, sein Auto zu bewegen. Er hatte einen Wolga und da würde das Öl ganz sicher nicht gefrieren.

Weiterhin soll es ja schon vorgekommen sein, dass Dinge, die man mal eben schnell vom Auto entfernen konnte, auch schnell entfernt wurden. Der Vorrat an Scheibenwischern, Spiegeln und dergleichen war in jener Zeit gering und so bauten sämtliche Russen ihre Teile nach der Fahrt ab, um sie vor der Fahrt wieder am Auto zu montieren.

Als Herr Reichelt nun endlich mit zwanzigminütiger Verspätung das Büro betrat, fiel Herr Heinrich fast vom Stuhl. Warum er denn so spät komme, wollte Herr Heinrich wissen, und warum zum Teufel er seine Aktentasche in den Sessel feuere.
Später sollte sich herausstellen, dass dieser Tag einer der lustigsten im ganzen Büro war und der Grund der Verspätung bei allen Angestellten auf vollstes Verständnis stieß.

Herr Reichelt frühstückte wie gewohnt und folgte auch sonst allen Gewohnheiten seines morgendlichen Ablaufs.
Die erste Ungewohnheit jedoch war, dass sein Schloss vom Wolga vereist war. Er versuchte den Schlüssel ins Loch zu schieben und sah sich mit den natürlichen Grenzen des Eises konfrontiert. Er hatte noch den bitteren Geschmack seines starken Kaffees auf Zunge und für ihn begann der Tag an diesem Morgen nur sehr langsam; verzögert durch diese blöde Kälte, dachte sich Herr Reichelt.
Es kostete ihn zwanzig Minuten bis er es geschafft hatte, das Schloss zu öffnen (Enteiser gab es nicht und an eine Fernbedienung für einen Wolga war bei weitem nicht zu denken). Er lieh sich von einem der vorbeikommenden Moskauer ein Feuerzeug. Mit diesem Feuerzeug erhitzte er abwechselnd Schloss und Schlüssel.
Endlich gelang Herr Reichelt ins Auto und startete den Motor ohne Probleme. Die Fahrt dauerte eine Weile und die Kälte stieg ihm in den Kragen. Er wollte das Fenster schließen, nur war keines offen. Mit Entsetzen stellte Herr Reichelt schließlich fest, dass sein Fenster nicht offen sein konnte. Die rechte Tür war weg ? einfach so und das auch noch über Nacht.

Herr Heinrich bemerkte, dass er dann ja gar nicht hätte zu spät kommen brauchen; er hätte doch auch auf der Beifahrerseite einsteigen können, da dort die Tür sowieso weg sei. Herr Reichelt entgegnete, dass ihm das auch schon aufgefallen sei, er aber wie immer bevorzugt über die Fahrerseite das Auto zu betreten pflegte.

Als Herr Reichelt seine Tasche auf den Sessel schmiss, kullerte noch der Außenspiegel hervor. Herr Reichelt hatte ihn wie gewöhnlich am Vortag nach der Fahrt abmontiert.


So oder so ähnlich könnte es sich zugetragen haben, an einem kalten russischen Dienstag des Jahres 1981. Jedenfalls erzählte mir mein Großvater diese Geschichte, dessen Zeuge er gewesen war. Namen und Daten sind Fiktion, denn wer weiß heute schon, ob dieser Dienstag anno 1981 wirklich so kalt war.

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Ein Anflug wandelner Intelligenz

Es war dunkel. Der Raum voller schweißgetränkter Leute. In der Luft lag der Qualm glühender Zigarettenstummel. Die Musik hämmerte auf das Trommelfell ein. Das Licht wechselte im Sekundentakt seine Farbe und Richtung.

David war auch da. Es war sein Geburtstag und er hatte geladen. Er entschied, wir müssen nach Egeln fahren. Wir waren zwölf – nur ein Bus. Wir kamen wohlgesonnen an. Glück gehabt; kein Unfall.

Ich stand im großen Floor. Auf der Bühne waren Duschen aufgebaut. In einer war ein Paar, sie waren nackt. Kaum einer nahm sie für wahr. Alle tanzten weiter oder unterhielten sich. Plötzlich rief einer von uns etwas. Es war zu laut, um es gleich zu verstehen. “Was?” – “David!!” – “Aha!”.
Es war Davids Geburtstag und es erschien mir normal, dass einer seinen Namen rief. Ich schaute nocheinmal auf das Paar in der Duschkabine. Wenn man genau hinsah, erkannte man die Form ihrer wohlgeformten Brüste. Der Typ war dämlich. Man sah ihn zwar nicht, aber ich bin trotzdessen dieser Meinung.
“Da ist David!!”. Ich entschloss mich kurzerhand zu überlegen, wo er denn nun schon wieder sein könnte. “Wo ist er?”, fragte ich.
Ich entdeckte ihn in der zweiten Kabine. Auch sie war nur leicht transparent, sodass mein Blick deren Innenleben nur getrübt wahrnahm. Ich erkannte ihn aber. Es war David – er war in der Kabine. Und er war nicht allein. SIE waren zu zweit. Eine Frau mit ihm unter der Dusche. Es schauten nicht viele hin. Wir fanden es aber lustig, weil es David war. Mir fiel ein, dass wir erst fünf bis zehn Minuten da waren und ich überlegte mir, wie David es geschafft hatte, in dieser kurzen Zeit schon zu duschen. Ich weiß die Antwort immernoch nicht.
Es war sein Geburtstag und er hat es verdient. Ich glaube er durfte sie nicht intim berühren. Die beiden in der anderen Kabine taten es – wahrscheinlich fanden sie es toll.

Die Zeit verging und David war auch wieder trocken.
Es gibt Bars in Egeln. Sein Geld kann man dort gegen Getränke eintauschen. Ich kenne einen, der das tat. Sein Name ist Christian.
Es schien ein gutes Tauschgeschäft zu sein, jedenfalls ließ Christian im Laufe der Zeit diesen Eindruck erwecken.
Dieser Tausch hatte allerdings einen Haken. Christian erkannte ihn dann am nächsten Morgen. Man tut nämlich Dinge, die man normaler Weise nicht ohne Weiteres tun würde. Die Fähigkeit, gerade zu laufen, kommt einem abhanden. Der Sprachduktus erleidet empfindliche Einschnitte. Die Hemmschwelle sinkt, wenngleich Christian nicht duschen ging. Man handelt unterbewusster und mitunter kann es vorkommen, dass man Zusammenhänge nicht mehr richtig einschätzen kann bzw. diese verloren gehen. Christians Affinität zur Intelligenz förderte nun dieses Unbewusste.
Es war voll und eng. Christian brauchte Platz. Er sah die Gelegenheit für günstig, sich diesen Platz verbal zu verschaffen. Er legte seine Karten offen auf den Tisch.
“Macht Platz – hier kommt die Intelligenz”, personifizierte sich Christian. Scheue Blicke fielen auf ihn. Intelligenz. Die Menge verfiel ins Grübeln. Ihre Gesichter versteinerten sich und es begann in ihnen zu arbeiten. Intelligenz. “Macht Patz – hier kommt die Intelligenz”, versicherte Christian erneut.
Die Menge wich zur Seite. Der Überlegungsprozess schien sich dem Ende zu neigen. Intelligenz. Was war das nur?
“Scheiß Hauptschüler”, hörte man Christian murmeln – er kam ungeschadet davon. Ein Individuum rebellierte: “Ich habe den Erweiterten!”. Christian war es egal – “Das ist alles eins”, sagte er während er sich weiter seinen Platz verschaffte und auf den Ausgang zu steuerte.
Die Intelligenz brauchte eine Pause. Christian ging hinaus.

Wir fuhren wieder zurück. Es waren zwölf. Das Auto – ein Mercedes Vito – war zum Bersten gefüllt. Es nieselte und die Straßen waren von einer dünnen Wasserschicht umgeben. Der Fahrer fuhr. Intelligenz, dachte ich mir, kannte er sie? War er ihr schon einmal begegnet? Ich schielte zu Christian. Er verhielt sich unauffällig.
Gut so. Denn wir kamen wohlbehalten in Ottersleben an.

Es war dunkel und Davids Geburtstag war schon gestern.

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Klassenfahrt

Aus dem scheinbar unbegrenzten Repertoire an Aktionen, die naturgemäß auf Klassenfahrten passieren, möchte ich jetzt mal eine kleine Sammlung über unsere damaligen Nachbarn zum Besten geben.
Ort der Handlung war Rerik, an der Ostsee gelegen, Zeitpunkt der Mai des Jahres 2003.
Das Rauschen der Ostsee im Ohr bezogen wir damals eine Bungalow-Anlage, in der pro Wohneinheit fünf Leute Platz fanden.
Die Insassen des Bungalows in unserer jetzigen Geschichte waren Marcel Golze, Richard Thies, Richard Prange und Robert Schmalle. Wahrscheinlich sogar noch Christoph Schmidt; das spielt jetzt aber keine Rolle. Nicht nur, dass der Bungalow in einer Woche den Strom verbrauchte, die die ganze Anlage in 2 Jahren nicht benötigt (Grund dafür war, dass Herr Golze mehr Stecker und technischen Equipment als Unterhosen mit dabei hatte) – auch der Alkoholkonsum war in dieser WG überproportional hoch.
Die Bungalows hatten eine Quader-Form, wobei an jeder Seite ein Fenster war. Unbeschreiblich schön sah es also aus, als aus den vier Fenstern vier mehr oder weniger betrunkene Leute ihre Hälser reckten und dem Boden zugewandt sämtliche Körperflussigkeiten – von Kotze über Rotze bis Schweiß – auf die Erde plätschern ließen.
Interessanter Weise hat man festgewordene Reste und auch Geruchsproben dieser Körperinnereien am nächsten Morgen noch auf den Kleidern einiger der Betroffenen gefunden.
Am nächsten Tag entschlossen sich dann die Herren ihren Drogenkonsum (Alkohol ist eine Droge!) zu verringern und den Weg ins Bettchen ein paar Minuten früher als alle anderen Menschen der Anlage zu bestreiten – die Tür vergaßen sie jedoch abzuschließen. Sie bedachten also nicht, dass ihre Wohnung auf einmal schlagartig bevölkert war und ihnen beim Schlafen zugeguckt werden würde. Genau das passierte. Und als die Richards plötzlich wach wurden, war schon der ganze enge Gang des Bungalows mit zahlreichen Leuten vollgestopft. Dieses Ereignis musste die beiden dermaßen geschockt haben, dass sie vergaßen der Spezies Mensch anzugehören und setzte insbesondere Richard Thies” animalische Triebe frei. Opfer des Wildgewordenen war der arme Kai, der an vorderster Front stand und hilflos von dem ca. 50% schwereren Richard an der Kehle angegriffen wurde (wie Raubtiere, die ja bekanntlich ihre Beute auch an der Kehle packen). Schlagartig verließen alle Menschen – außer fünf – den Bungalow. Die Sache verlief dann doch noch einigermaßen glimpflich und Kai kam gerade noch mit dem Leben davon.
Der Abend war für die leidgeplagten Schlafmützen jedoch noch nicht vorbei. Die wache Meute terrorisierte jetzt die Richards von außen durch wildes Einhämmern gegen Fenster und Wände des Bungalows. Wer schon einmal versuchte zu schlafen, während 20 Menschen krampfhaft versuchen einen wachzuhalten, wird vielleicht wissen, dass der Prozess des Einschlafens sich dabei etwas in die Länge zieht und dass je länger der Prozess dauert, die Geduld indirekt proportional abnimmt.
Diesmal war es Richard Prange, der sich auf seine primatischen Vorfahren besann und wie wild aus dem Bungalow gehechtet kam – dabei die Tür aufstoß und diese einem Mädchen der Parallelklasse direkt zwischen die Augen knallte (die Spätfolgen sind immernoch zu erkennen!). Dadurch ließ sich Richard Primange (Neologismus aus Primat und Prange – haha!) jedoch nicht beirren und legte – auch er litt an Übergewicht – den Sprint seines Lebens hin. Statt stolz auf seine unglaubliche Geschwindigkeit zu sein, dachte er nur an eins: TÖTEN, TÖTEN, TÖTEN.
Die Personen, die sich nahe der Tür aufhielten (Christian und Thomas) rannten um ihr Leben. Thomas verschanzte sich in einem Busch und Christian war nun der einzige Verfolgte.
Plötzlich muss Richard eingefallen sein, dass er gerade rennt und dass er sowas normalerweise nicht tut. Sein Limbisches System schaltete sich wieder ab und die Hirnrinde übernahm wieder die Kontrolle über den Denkprozess. Völlig außer Atem schlurfte der enttäuschte Richard (da er niemanden töten konnte) wieder in sein Bett und schlief wahrscheinlich aufgrund der körperlichen Hochleistung augenblicklich ein.
Vielleicht gibt es ja demnächst noch ein paar Geschichten über Klassenfahrten :-)

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Ein Fettnäpfchen…

Es gibt einen Film, der da heißt “Vom Suchen und Finden der Liebe”. Dort spielt Moritz Bleibtreu mit.
In Mayrhofen, dem Ort, an dem wir unseren Skiurlaub verbrachten leben drei Sorten von Menschen: Russen, Holländer und Europäer. Die Europäer waren klar in der Unterzahl und so traf man oft einen mit orangen Mützen oder einer Pulle Vodka in der Hand. Man lief auch mal einigen Deutschen über den Weg, jedoch war der Sachsen-Anhalt-Slang meist die nördlichste Sprachvariante.
Als Kai, Thomas (…) und ich einen Lift hochfuhren erzählte ich von einer Szene des Films. Moritz Bleibtreu ist dort in Rage und sagt etwas in der Art wie “Das heißt nicht Steehrn, das heißt Stern… – Steehrn sagen nur Schwule und… und… und Hamburger”.
Plötzlich erklang eine Stimme neben mir, die sagte unter einem Schal und einer Skibrille hervor: “Hamburger sagen Stährn.. Und schwul sind sie auch nicht – ich bin nämlich zufällig einer.”

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